Kommentar

Der Überflieger

Archivartikel

 

Die Oberbürgermeisterwahl in Weinheim hat bereits im ersten Wahlgang das notwendige politische Ergebnis erbracht: Manuel Just, 39 Jahre jung, bislang Bürgermeister der kleinen Nachbargemeinde Hirschberg, wird Chef im Schloss-Rathaus der fast fünf Mal so großen Kreisstadt. Das war zu erwarten, aber keineswegs selbstverständlich.

Zwar hatte Just nicht nur die Unterstützung der drei bürgerlichen Gruppen CDU, Freie Wähler und FDP, sondern auch der an der Bergstraße traditionell starken Grünen, die zusammen rund zwei Drittel des Gemeinderates stellen. Doch erstens konnte er nicht sicher sein, was ein solcher Buchwert an der Wahlurne bringt in einer Zeit, in der die Wähler sich immer weniger von „ihren“ Parteien vorschreiben lassen. Zum zweiten hätte diese massive Unterstützung auch den gegenteiligen Effekt zeitigen können. Und drittens war nicht sicher, wie fest der Pfeiler CDU angesichts von deren inneren Problemen wirklich wirken würde.

Nach 32 Jahren kein SPD-OB

Alle diese Möglichkeiten sind nicht eingetreten. In den Augen der meisten Wähler sprachen die objektiven Faktoren einfach für Just. Er war der einzige mit Verwaltungserfahrung, und er war der einzige der vier ernstzunehmenden Kandidaten, der von außen kam. Das war für viele wichtig in einer Stadt, in der die Bussi-Gesellschaft sogar ausgeprägter ist als in manch kleiner Gemeinde.

Mit dem Ergebnis ist Just ein historischer Sieg gelungen: Mit ihm gibt es nach 32 Jahren erstmals wieder einen Weinheimer Oberbürgermeister, der nicht Mitglied der SPD ist. Dass er dies nur mit Hilfe der Grünen geschafft hat, die sonst gemeinhin dem linken Lager zugerechnet werden, ändert daran nichts.

Die Grünen um den alten Strategen Uli Sckerl haben die politische Stimmung gespürt. Nun sind sie auf der Seite der Sieger. Für sie gab es keine Alternative: Für einen Einheitskandidaten aus SPD, Grünen und Linkspartei, so er überhaupt zustande gekommen wäre, hätte es – wie man sieht – angesichts der Sozialstruktur von Weinheim nicht gereicht.

Debakel für Sozialdemokraten

Für die Sozialdemokraten ist das Ergebnis eine Katastrophe. In der Stadt, deren Oberhaupt sie 32 Jahren gestellt haben und deren zweitgrößte Ratsfraktion sie immer noch sind, wurden sie mit etwas mehr als neun Prozent politisch marginalisiert. Eine besondere Demütigung für die stolze Partei bedeutet es zudem, ausgerechnet durch die Linkspartei auf Platz 3 verbannt worden zu sein.

Selbst in der Weststadt, der Hochburg der SPD-Kandidatin Stella Kirgiane-Efremidou, erhielt Manuel Just eine breite Mehrheit. Insofern ist diese Niederlage auch ihre persönliche. Dieses Ergebnis ist zu schlecht, um jetzt einfach auf neue Ambitionen für Landtag oder Bundestag umzuschalten.

Die Arbeit beginnt erst

Ungeachtet seines harten Wahlkampfes beginnt für Manuel Just wiederum jetzt erst die wirkliche Arbeit. Weinheim ist nicht Hirschberg. Hier herrscht ein rauheres Klima – sein Vorgänger Heiner Bernhard hat dies erfahren und daher wohlweislich auf eine erneute Kandidatur verzichtet.

Im Falle Justs speziell kommt hinzu, dass die drei wichtigsten seiner unterlegenen Gegner zentrale Akteure im Gemeinderat sind. Sie werden ihm keinen Fehler durchgehen lassen. Doch seinen gestrigen historischen Sieg kann ihm keiner mehr nehmen.

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