Kommentar

Der Anstand fehlt

Hannes Koch findet, dass betroffene Reisende Verständnis für den geplanten Streik bei Ryanair aufbringen sollten

Das braucht niemand. Beim Flug aus dem Urlaub nach Hause ist man zwar hoffentlich einigermaßen erholt, andererseits wartet aber am Montag wieder die Arbeit. Und nun dieser Streik der Piloten bei Ryanair, der morgen stattfinden soll. Einige tausend Passagiere werden wohl später losfliegen, ankommen, umbuchen, am Flughafen campieren, in jedem Fall: gestresst sein.

Zurecht sind die Verbraucher genervt, wenn die bezahlte Dienstleistung ausfällt oder von schlechter Qualität ist. Konsumenten sind aber meist auch Arbeitnehmer. Dieser Perspektivwechsel sei ihnen nun empfohlen. Niemand will, dass einen der Arbeitgeber rumschubst, schlecht bezahlt, mit Urlaubstagen geizt, beliebig in eine andere Filiale versetzt, einfach gesagt: Arbeitnehmerrechte verletzt.

Genau darüber jedoch klagen viele Flugbegleiter, Ingenieure, Kopiloten und Flugkapitäne der irischen Billigfluglinie Ryanair. Besonders stört sie allmählich, dass das Unternehmen ein sehr dickes Fell hat, wenn es um normalen sozialpolitischen Anstand geht.

Ryanair-Chef Michael O’Leary gehört zu der Sorte von Unternehmenslenkern, die die Welt neu erfinden, das heißt in sozialer Hinsicht zurückdrehen wollen. Amazon, Uber, Airbnb, Foodora und wie sie alle heißen, betrachten die Gesellschaft als eine Masse von Einzelkämpfern. Am liebsten schließen sie nur individuelle Arbeitsverträge mit dem Piloten, Paketzusteller, Taxifahrer, Vermieter oder Essenslieferanten. Von Tarifpartnerschaft und Kollektivvereinbarungen halten sie nichts.

Einerseits kein Wunder: Die Unternehmenskultur neuer Firmen verträgt sich oft nicht mit den Vorstellungen alter Gewerkschaften. Andererseits zeigt sich das Kalkül von „teile und herrsche“. Diesen Firmen muss man erst wieder beibringen, was die reichen Industriestaaten während der vergangenen 150 Jahre gelernt haben.

Diese Manager sind die unerzogenen Rotzlöffel des digitalen Zeitalters, denen man das sozialverträgliche Benehmen in einer zivilisierten Gesellschaft noch einmal erklären muss. Dazu gehört die Akzeptanz, dass Gewerkschaften und Tarifverträge eine gute Sache sind – und dass man sich an solche Regeln hält. Weil es Stand der Dinge ist, und weil sich die Arbeitnehmer nur dann gegenüber den Unternehmen durchsetzen können, wenn sie sich zusammenschließen. Das gilt für Verkäuferinnen ebenso wie für Kopiloten und Stewardessen.

Nun könnte man sagen: Piloten sind keine Arbeitnehmer, sondern Eliteangestellte. Gehälter von 130 000 Euro pro Jahr klingen tatsächlich nicht danach, als ob solche Leute eine Gewerkschaft bräuchten. Zieht man allerdings Steuern, Sozialbeiträge und anderes ab, bleibt vielleicht ein Jahresnetto von 70 000 Euro. 6 000 pro Monat auf die Hand ist zwar auch nicht schlecht. Aber – jetzt wieder Perspektivwechsel – als Flugpassagier möchte man gern sicher ankommen. Da ist es gut, wenn der Typ da vorn im Cockpit eine ausgeschlafene, bestens ausgebildete Fachkraft ist und kein gestresster Billiglöhner. Das eigene Leben sollte die Investition in vernünftige Pilotengehälter wert sein. Auch wenn die Tickets dann mal teurer werden, oder – verdammt – sich der Rückflug wegen des Streiks verspätet.