Kommentar

Der Charme des Gestern

Archivartikel

Alexander Müller zu Heidels Rückkehr nach Mainz

Nostalgische Gefühle gehören zum Menschen wie Träume und Sehnsüchte. Die Erinnerung an früher, an schöne Zeiten in der Vergangenheit, lassen einen selbst die tristeste Gegenwart verdrängen. So erklären sich auch unzählige Rückholaktionen in der Fußball-Bundesliga. Borussia Dortmund gab Mario Götze oder Nuri Sahin eine zweite Chance, Schalke 04 erinnert sich in jeder Krise automatisch an „Jahrhunderttrainer“ Huub Stevens, und Jupp Heynckes musste seinen Bauernhof am Niederrhein fast hermetisch von der Außenwelt abschirmen, damit der FC Bayern nicht mehr auf die Idee kommt, ihn bei nächster Gelegenheit erneut zu umgarnen.

Nun ist also auch Mainz 05 dem Charme des Gestern erlegen. Mit Christian Heidel verbinden die Rheinhessen die erfolgreichste Ära ihrer Vereinsgeschichte. Klopp, Tuchel, die „Bruchweg Boys“ – tolle Zeiten waren das, als der gelernte Autoverkäufer aus einer grauen Fußball-Maus einen charismatischen Bundesligisten zimmerte, der als ideales Sprungbrett für eine große Karriere galt.

Leider lässt sich Geschichte nicht beliebig wiederholen. Heidels zweite Amtszeit in Mainz steht unter komplett anderen Vorzeichen. Der Manager kehrt zurück zu einem Verein, in dem es auf allen Ebenen knarzt. Vor allem sportlich. Nur sechs Punkte bis Weihnachten sind eine desaströse Zwischenbilanz. Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein bisschen mehr Potenzial in dieser Mannschaft stecken müsste, ist Heidels Handlungsspielraum begrenzt.

Eine Winterpause für notwendige personelle Korrekturen gibt es nicht, und die frühere große Stärke des mittlerweile 57-Jährigen, entwicklungsfähige Spieler mit Perspektive zu finden, hilft in der prekären Lage auch nicht weiter: Die Mainzer brauchen Verstärkungen, die sofort funktionieren. Und einen neuen Trainer, der aus 21 verbleibenden Partien acht oder neun Siege holt – das wäre die Quote eines Europapokal-Kandidaten. Das neue Jahr startet übrigens mit einem Auswärtsspiel gegen den FC Bayern.

Dazu kommt, dass Heidels Ruf gelitten hat, seitdem er sich auf Schalke auch einmal bei einem anderen, größeren Club beweisen wollte. In Gelsenkirchen gilt die verfehlte Einkaufspolitik des Klopp-Entdeckers zwischen 2016 und 2019 als mitentscheidende Ursache für die kapitalen Verwerfungen in diesem Jahr. „Immerhin hat Heidel schon einmal großen Anteil daran, dass Mainz nicht Letzter ist“, lästern sie im Ruhrgebiet. Auf dem letzten Platz steht Schalke, knapp davor Mainz. Es wäre keine Überraschung, wenn der Name Heidel in dieser Saison ganz unnostalgisch mit gleich zwei Abstiegen in Verbindung gebracht werden sollte.

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