Kommentar

Der Erfolg der Diskussion

Stefan M. Dettlinger zur Diskussion über die Kassler documenta

 

Im Grunde müsste Adam Szymczyk glücklich sein. Mit der überaus politischen und sozialkritischen 14. Ausgabe der documenta ist dem Kurator des Kassler Großereignisses das Maximum dessen gelungen, was Kunst erreichen kann: Deutschland diskutiert. Ob nun der Kulturpessimist Bazon Brock ("unter aller Sau"), der Galerienverbandschef Kristian Jarmuschek ("naiv, populistisch, oberflächlich") oder aber "Monopol"-Chefredakteurin Elke Buhr ("eine großartige Setzung") Recht hat - total egal. Entscheidend sind die Fragen, die sich jetzt stellen.

Und derer gibt es einige. Etwa: Wie politisch soll Kunst sein? Wie frei sind Künstler im Schaffen? Muss man Kunst erklären, oder soll sie sich selbst erklären? Darf Kunst moralisieren? Wie frei darf ein Kurator wie Szymczyk agieren? Wie nützlich oder funktional soll oder darf Kunst sein?

Dass die Kunstschau auch gepredigt hat, dass sie den Menschen ins Gewissen geredet und überhaupt im großen Stile thematisiert hat, dass Probleme wie Migration, Rassismus, Klimawandel oder die Kapitalisierung der Welt heute immer global sind und unser Handeln Konsequenzen im großen Stil nach sich zieht - es ist als politisches Einmischen zu begreifen. Natürlich kann man das schlecht finden, schlecht finden, dass auch die Kunst mehr und mehr vom Konkreten und Nützlichen beherrscht wird, dass sie sich nicht zurückzieht in den Raum der Fantasie, in der sie als "L'art pour l'art" eine schöne Koexistenz zur schnöden Realität lebt. Aber würden nicht alle nach einer Politisierung rufen, wenn sie dies gerade in Kassel täte?

Außerdem: Die documenta ist keine Kunstmesse. Ihre Kunst sollte sich nicht am Markt orientieren und ihr Kurator die Freiheit haben, global Positionen zu bündeln, Dinge zu denken und Diskussionen anzuregen, für die es in unserer auf Effizienz fixierten Welt sonst zu wenig Platz gibt.