Kommentar

Der Gewinner des Abstiegs

Marc Stevermüer zur Beförderung von Hitzlsperger

Jede große Chance beinhaltet ja auch die kleine Chance, dass sie nicht genutzt wird: Nun könnte man bei Thomas Hitzlsperger bei reiner Betrachtung der Fakten getrost zustimmen, dass Letzteres zutrifft. Anfang des Jahres löste er Michael Reschke als Sportvorstand beim VfB Stuttgart ab, am Ende der Saison stiegen die Schwaben aus der Fußball-Bundesliga ab. Aber Hitzlsperger nutzte seine Chance. Er galt nicht als Gescheiterter, sondern als Hoffnungsträger. Vielleicht sogar als Gewinner, was angesichts des Ausmaßes des Absturzes fast schon paradox klingt. Doch der ehemalige Nationalspieler schaffte das, was im schwierigen VfB-Umfeld eine Seltenheit ist. In Stuttgart, wo Funktionäre traditionell so beliebt sind wie Schalker auf der Dortmunder Südtribüne, entstand unabhängig vom Abstieg Vertrauen in einen Mann, der umsichtig und glaubwürdig agiert, der sich nicht für einen Besserwisser und Alleskönner hält, sondern sich mit Sportdirektor Sven Mislintat anerkannte Expertise an die Seite holte und einen bislang erfolgreichen Neuaufbau einleitete.

Gewiss: Große Erfolge hat der 37-Jährige noch keine vorzuweisen, ohne entsprechende Vorkenntnisse und Erfahrungen wird er jetzt Chef eines Unternehmens mit einem Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe und einer dreistelligen Anzahl an Mitarbeitern. Das mag Risiken bergen und Fragen nach seinem Aufstieg aufwerfen: Innerhalb von etwas mehr als drei Jahren vom Jugendkoordinator zum Sportvorstand und nun zum Vorstandsboss – das dürfte es noch nicht oft gegeben haben.

Ist Hitzlsperger deshalb der Falsche für diesen Job? Das lässt sich jetzt ebenso wenig seriös beantworten wie die Frage, ob er der Richtige ist. Fest steht allerdings, dass der VfB-Meisterheld von 2007 seit seinem Amtsantritt wenig falsch gemacht hat und dass er viele Dinge mitbringt, die man in Stuttgart an der Spitze lange Zeit vermisste: Er steht für Identifikation und Demut, weiß um seine Schwächen, kennt das Fußballgeschäft und gibt sich als Teamplayer. Gleichzeitig scheut er aber auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurück. Kurzum: Der VfB hat in der Vergangenheit schon schlechtere Entscheidungen getroffen.

 
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