Kommentar

Der Glaube schwindet

Marc Stevermüer zu Bundestrainer Joachim Löw

Es gab mal eine noch gar nicht so weit zurückliegende Zeit, da waren Fußball-Länderspiele so etwas wie Popcorn für ein ganzes Volk. Die deutsche Nation schaute zu, selbst wenn nur ein besserer Kirmes-Kick anstand. Davon kann angesichts der aktuellen Einschaltquoten keine Rede mehr sein. Die Beachtung schwindet – und Gleichgültigkeit ist gemeinhin noch schlimmer als Wut. Denn wenn sich jemand aufregt, interessiert er sich wenigstens noch.

Dass es so weit gekommen ist, liegt auch an Bundestrainer Joachim Löw. Einen Hauch Überheblichkeit muss man sich leisten können, indem man sie mit Leistung und Ergebnissen unterfüttert. Bleibt beides aus, wird es schwierig mit der Akzeptanz: 21 Spiele bestritt die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) seit dem WM-Debakel 2018, nur zehn davon gewann sie. Das sind die schonungslosen Fakten. Heraus sticht einzig der Erfolg über die Niederlande, weshalb die Ausrutscher mittlerweile die Siege gegen die Großen sind und nicht mehr die Blamagen gegen die Kleinen.

Hinzu kommt das immer stärker werdende Gefühl, dass es in dieser Konstellation auch keine Besserung mehr geben wird. Denn im Prinzip gleicht die Atmosphäre bei den Geisterspielen dem Zustand der Nationalmannschaft mit Löw: Die Luft ist raus, nachdem der Bundestrainer zunächst in der WM-Vorrunde und nach jetzigem Stand auch am Umbruch scheiterte. Vielleicht wäre es sogar ganz gut gewesen, wenn es in diesem Jahr eine EM gegeben hätte. Ein fraglos mögliches Vorrunden-Aus gegen Frankreich und Portugal hätte vielen die Augen geöffnet, wahrscheinlich sogar die notwendigen Konsequenzen gehabt.

Aussortierte könnten helfen

Stattdessen geht die Geschichte mit der fehlenden Entwicklung immer weiter. Sie wird lang und länger. Eigentlich ist sie sogar schon deutlich zu lang. Denn die DFB-Elf präsentiert in unschöner Regelmäßigkeit den längst bekannten Katalog an Unzulänglichkeiten. Sie verteidigt unsortiert, ordnet falsch zu, steht zu offen und hat eklatante Probleme im Spielaufbau. Dabei gäbe es da ja durchaus zwei Spieler, die diese Probleme sofort beheben könnten: die aussortierten Mats Hummels und Jérôme Boateng. Es war im März 2019 legitim, einen Neustart ohne dieses Duo zu wagen. 20 Monate später muss man aber konstatieren: Bei Niklas Süle, Matthias Ginter und Antonio Rüdiger blieben die erhofften Sprünge in die Spitzenklasse aus. Da es aber gerade auch in der Nationalmannschaft ums Leistungsprinzip gehen muss, führt an einer Rückkehr von Hummels und Boateng kein Weg vorbei.

Das Problem: Der eitle Löw ist für seine Sturheit bekannt. Er betont, alles im Griff zu haben. Seine Worte sind die Begleitmelodie des Niedergangs und haben schon etwas Herbeisehendes. So nach dem Motto: Wenn ich es oft genug erzähle, wird der Wunsch auch wahr. Gefühlt glaubt aber nur noch Löw an Löw, was nichts Gutes verspricht: Schon vor der WM 2018 ignorierte er in einem Arroganz-Anflug sämtliche Alarmsignale. Der katastrophale Ausgang des Turniers ist hinlänglich bekannt.

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