Kommentar

Der Makel des Notnagels

Marc Stevermüer zum Kovac-Wechsel nach München

 

Niko Kovac gefällt sich in der Rolle des Ehrenmannes. Stets prangert der Kroate den Sittenverfall im Fußball an, kritisiert die Wertlosigkeit von Verträgen und den respektlosen Umgang mit Trainern. Nach ein paar halbseidenen Bekenntnissen zu Eintracht Frankfurt hat er sich nun entschlossen, den Club doch zu verlassen. Er geht zum FC Bayern und nutzt eine Ausstiegsklausel, weshalb er zwar keinen Vertragsbruch begeht, aber eben doch selbst Schaden nimmt und noch dazu seinen aktuellen Arbeitgeber in eine ganz heikle Lage bringt. Denn nach einer bislang überragenden Runde droht dem Club im Endspurt eine Trainerdiskussion, die fraglos die Ziele gefährdet. Einen schlechteren Zeitpunkt für die Bekanntgabe des Wechsels hätte es nicht geben können, auch wenn – Moral hin oder her – der Schritt von Kovac nachvollziehbar ist. Die Chance, den FC Bayern zu trainieren, bekommt er wohl nie wieder.

Ein Wagnis

Diese Möglichkeit hat sich der 46-Jährige durch gute Arbeit bei den Hessen verdient. Er formte aus einem Abstiegs- einen Europapokalkandidaten, holte Marius Wolf von der Ersatzbank des damaligen Zweitligisten Hannover und machte aus ihm einen ambitionierten Bundesligaspieler. Kurzum: Kovac versteht sein Handwerk. Doch ist er auch der Richtige für den FC Bayern? Seriös kann das jetzt nicht beantwortet werden. Klar ist aber: Die Münchner gehen mit ihrer ungewohnt mutigen Entscheidung für einen international unerfahrenen Trainer ein Wagnis ein. Man darf gespannt sein, wie selbstständig Kovac arbeiten darf und wie uneingeschränkt das Vertrauen der Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge in ihn ist.

Dass gewaltige Aufgaben auf den neuen Trainer zukommen, steht außer Frage. Ein Umbau des überalterten Kaders ist unausweichlich, von einem Neuanfang sind die Münchner angesichts der Vertragsverlängerungen von Franck Ribéry und Arjen Robben aber weit entfernt. Der Umgang mit den beiden Diven dürfte für den neuen Coach ohnehin zu einem Härtetest werden, denn die zwei Superstars wissen, dass sie fortan von einem Trainer betreut werden, dem ein gewaltiger Makel anhaftet: Kovac ist der Mann, der nach der ausgebliebenen Vertragsverlängerung von Jupp Heynckes und der Absage von Thomas Tuchel noch übrig blieb – was den Druck auf den Kroaten eher maximiert.

Querdenker fehlt

Schuld daran ist die Clubführung um Hoeneß und Rummenigge mit ihrer katastrophal verlaufenen Trainersuche, die frappierend an das Desaster bei der Fahndung nach einem Sportdirektor erinnert. Heraus kam damals Notnagel Hasan Salihamidzic – eine klassische Marionette der Bosse, ein Ja-Sager.

Dabei brauchen die Münchner dringend mal wieder einen unbequemen Querdenker in ihrer sportlichen Führung. Matthias Sammer, Louis van Gaal und Pep Guardiola brachten den Verein in der Vergangenheit mit unpopulären Entscheidungen gewaltig voran. Doch ein Mann dieser Güteklasse fehlt dem Rekordmeister – und ob Kovac dieses Profil erfüllt, darf bezweifelt werden.

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