Kommentar

Der neue Alltag

Archivartikel

Martin Dahms warnt davor, die spanische Flüchtlingsfrage politisch auszuschlachten

Spanien hat sich viele Jahre hinter Marokko verstecken können. Während in Griechenland und in Italien Hunderttausende Flüchtlinge und andere Migranten anlandeten, blieb es auf der Westroute ruhig. Jetzt nicht mehr. Das wird der neue Alltag.

Aber erstmal fallen Worte wie „Krise“, „Überforderung“ oder „neues Lampedusa“. Doch Spanien wird die steigende Zahl der Ankömmlinge, bei allen Anlaufschwierigkeiten und hoffentlich mit europäischer Hilfe, in den Griff bekommen. Die Gefahr droht, wie im Rest Europas, von der Politik. Die Furcht vor der Migration lässt sich wunderbar ausschlachten. Der junge Chef der Volkspartei Partido Popular, Pablo Casado, hat das gerade entdeckt. Verwunderlich ist nur, dass er es nicht schon früher entdeckt hat. Er wird jetzt zum Vaterlandsverteidiger. Ausgerechnet er. Dabei ist Spanien ein Beispiel dafür, wie gut Integration funktionieren kann: In keinem anderen europäischen Land stieg der Ausländeranteil so rapide wie im Spanien der späten Neunziger und frühen Nullerjahre. Das Land hat es verkraftet.

Jetzt kommen hauptsächlich Afrikaner und nicht wie damals Lateinamerikaner und Osteuropäer. Das mag die Integration schwieriger machen. Spanien will aber auch nicht, wie Pablo Casado behauptet, „Millionen Afrikaner“ aufnehmen. Es will, wie es sein muss, seine Grenzen für Flüchtlinge offen halten und die Arbeitsmigranten wieder nach Hause schicken. Es will, wie es sein muss, ein Gleichgewicht zwischen Humanität und Legalität halten. Da gibt es nichts zu meckern. Casado tut es trotzdem. Für eine Handvoll Stimmen.

 
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