Kommentar

Der Überlebenskünstler

Archivartikel

Tobias Käufer über die Lage in Venezuela: Noch ist Präsident Nicólas Maduro im Amt, Oppositionsführer Juan Guaidó bringt das Militär nicht hinter sich

Die Vorwürfe, die Menschenrechtsorganisationen gegen den sozialistischen Präsidenten Venezuelas, Nicólas Maduro erheben, sind schwerwiegend: Folter, außergerichtliche Hinrichtungen, Massenflucht von mehr als zwei Millionen Menschen, Wahlbetrug und die Unterdrückung der Opposition. Ein Politiker, der zu solchen Mitteln greift oder sie zumindest duldet, verschwindet nicht so einfach von der Bildfläche.

Nicólas Maduro ist trotz seiner verheerenden Bilanz als Politiker, trotz der klaren Wahlniederlage bei der Parlamentswahl 2015, die er einfach ignorierte, ein politischer Überlebenskünstler. Er hat es bislang geschafft, das Netz an Abhängigkeiten so zu spinnen, dass trotz der katastrophalen Versorgungslage und der Wut der Mehrheit der Venezolaner auf ihre Regierung, bislang keiner der ranghohen Militärs die Seiten wechselte.

Trotzdem ist seine Ausgangsbasis schlechter geworden. Die Tatsache, dass er nur noch mit Hilfe der Militärs im Amt bleiben kann und das Vertrauen in seine Person zerstört ist, macht ein Festhalten am Präsidentenamt unmöglich.

Eigentlich. Aber ein Politiker, der Folter, Mord und Massenflucht zum Machterhalt in Kauf nimmt, dem ist das Schicksal seines eigens Volkes ohnehin egal. Jeder andere Politiker mit einem Funken Anstand wäre bereits zurückgetreten, um seinem Land einen Neuanfang zu ermöglichen.

Aber auch für Juan Guaidó war der Dienstag kein erfolgreicher Tag. Der spektakuläre Befreiungscoup des in Hausarrest befindlichen Oppositionspolitikers Leopoldo López hat ihm zwar die internationalen Schlagzeilen gesichert. Doch den erhofften Seitenwechsel der Armee hat er damit nicht erreichen können. Zumindest die Militärspitze bekennt sich öffentlich weiterhin zu Maduro.

Was Guaidói bleibt, ist die Kraft der Straße – wenn er nicht vorher verhaftet wird. Und vielleicht der Verhandlungsweg. In den nächsten Tagen trifft sich in Costa Rica die Venezuela-Kontaktgruppe aus europäischen und lateinamerikanischen Staaten. Vielleicht wäre deshalb jetzt auch eine Verhandlungsstrategie in dieser Patt-Situation für den Oppositionsführer eine Option.

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