Kommentar

Deutsche Normalität

Archivartikel

Steffen Mack über Timor Özcans Wahlerfolg auf dem Lande

Klar, Bürgermeisterwahlen sind Persönlichkeitswahlen. Da sollte man sich vor Verallgemeinerungen hüten. Dennoch ist Timur Özcans Erfolg in Walzbachtal in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Da triumphiert ein 28-Jähriger aus Mannheim mit türkischen Wurzeln in einem ländlichen Raum, den er vor dem Wahlkampf nie betreten hatte.

Auch wenn die 10 000-Einwohner-Gemeinde im Speckgürtel von Karlsruhe liegt und einigen Wählern großstädtisches Miteinander vertraut sein muss: Ihr Votum spricht für die Menschen dort ebenso wie für Özcan. Leider gibt es in Deutschland auch Regionen, wo jemand mit diesem Namen keine Chance hätte, sogar schlimmste Anfeindungen fürchten müsste. Daher ist diese Wahl ein wichtiges Zeichen: der deutschen Normalität.

Unnormal wirkt die Wahl aus einem ganz anderen Grund. Ohne über die SPD spotten zu wollen, aber dass einer der ihren – noch dazu ein erst 28-Jähriger – mit mehr als 65 Prozent der Stimmen eine Bürgermeisterwahl gewinnt, ist sensationell. Besonders in Baden-Württemberg. Und es sagt einiges über den Zustand der Bundespartei, dass Özcan aus dem Willy-Brandt-Haus nicht mal beglückwunscht wurde.

Wobei die Genossen inhaltlich schon Recht damit hätten, sich auf Özcans Triumph nicht viel einzubilden. Für den Wahlkampf hatte er sich eine Visitenkarte gemacht, mit allen Kontaktdaten. Die Partei, der er angehört, suchte man darauf vergeblich.