Kommentar

Die Demutsformel

Archivartikel

Uwe Rauschelbach über eine in Vergessenheit geratene Tugend, die in der Präambel des Grundgesetzes anklingt

 

Was bedeutet Demut in einer Welt, in der Potentaten und Autokraten das Sagen haben und in der das Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts zu verdrängen droht? Warum soll man sich mit einer christlichen Tugend wie jener der Demut befassen, die ein Papst vorzuleben bemüht ist, der einer Organisation angehört, wie sie anti-demütiger kaum erdacht werden kann?

„Die Gespenster des Vatikan“ lässt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einmal mehr ihr Unwesen treiben. Pünktlich zu einer Zeit, in der das Kirchenjahr mit Pfingsten die Ausgießung des Heiligen Geistes und mit Fronleichnam das Hochfest der leiblichen Gegenwart Christi feiert. Die Liste der Irrtümer und Verfehlungen im Namen Gottes ist bedrückend lang. Sie zeugt nicht, um das mindeste zu sagen, von wahrer Demut. Demut ist eine Kategorie, die von den Kanzeln – ob in katholischen oder evangelischen Kirchen – gepredigt, aber nur selten vorgelebt wird. Schon allein deshalb wirken Persönlichkeiten wie Mutter Teresa oder der gegenwärtige Papst wie Ausnahmeerscheinungen, die aber doch die Regel sein sollten. Freilich wird Demut in zahllosen diakonischen und karitativen Einrichtungen praktiziert, von der Schwangerschaftsberatung bis zur Sterbebegleitung. Doch Demut meint mehr.

Dies auch im Hinblick auf die geistigen Ansprüche, die aus der christlichen Botschaft abgeleitet werden. Allzu oft werden Kirchenbesucher mit unreflektiertem und an keine persönliche Erfahrung gebundenem „Wissen“ abgespeist. Demut in geistlichem Sinne würde bedeuten: sich auf die Stufe der Nichtwissenden hinunterbeugen, sich auch darin mit den Armen solidarisieren – und erkennen, dass eine Kanzel zwar die Welt von oben sehen lässt. Doch dabei beherzigen: Jesus hat anderen die Füße gewaschen – er war der Erde näher als dem Kanzelhimmel.

In der Konfrontation mit Angehörigen anderer Kulturen und Religionen werden unterdessen Forderungen laut, die christlich-jüdischen Traditionen dieses Landes offensiver zu verteidigen. Es ist jedoch ein Missverständnis, aus der religiösen, kulturellen oder geschichtlichen Prägung eines Landes ein politisches Recht ableiten zu wollen, dieser Prägekraft zusätzlich Nachdruck zu verleihen. Etwa indem man Kreuze in Amtsstuben aufhängt.

Die säkulare Verfassung verbietet zwar keine religiösen oder weltanschaulichen Motive, denen auch politische Entscheidungen unterliegen mögen. Gleichzeitig ist die im deutschen Grundgesetz verankerte Neutralitätsverpflichtung des Staates die zentrale Voraussetzung für die freie Entfaltung seiner Bürger, auch und gerade in religiösen Angelegenheiten. In negativer Bedeutung heißt dies: Ob und woran jemand glaubt, hat der Staat nicht vorzuschreiben.

Insofern ist der Bezug der Präambel des Grundgesetzes auf Gott nicht als Aufforderung an Tugendwächter oder Glaubenskrieger gleich welcher Art zu verstehen. Sie ist vielmehr, wie der Würzburger Rechtsphilosoph Horst Dreier betont, eine „Demutsformel“. Sie besagt: Diese Verfassung haben sich Menschen im Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit und in der Einsicht gegeben, auf eine höhere Vernunft angewiesen zu bleiben.

Die Demütigen wissen: Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt. Daraus folgen weder weltfremde Abkehr noch blinde Ignoranz den Dingen gegenüber, die sich tagtäglich vor unseren Augen abspielen. Gemeint ist vielmehr eine Gesinnung nach der Präambel des Grundgesetzes, nämlich in „Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Damit ist eine Haltung skizziert, die sich in tiefer Solidarität mit ihren Mitgeschöpfen wiederfindet und die immer wieder aufs Neue um gemeinsame Wege ringt. Aktuelle globale Entwicklungen deuten darauf hin, dass hiervon nichts weniger als das Überleben der Menschheit abhängen könnte.