Kommentar

Die Geläuterten

Marc Stevermüer zu den Aussichten der DHB-Auswahl

 

Wie gravierend und vor allem schnell haben sich die Voraussetzungen doch geändert: Als die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes vor zwei Jahren zur Europameisterschaft nach Polen fuhr, reiste sie als talentierter Außenseiter ohne seine verletzten Stars an. Und auch während des Turniers fielen weitere Spieler aus, doch am Ende schrieb die junge deutsche Rasselbande Sportgeschichte, kehrte sensationell als Europameister zurück und holte ein halbes Jahr später auch noch die olympische Bronzemedaille in Rio de Janeiro. Keine Frage: Das DHB-Team gehört wieder zu den Großen im Welt-Handball und ist naturgemäß auch beim Turnier in Kroatien ein heißer Halbfinal-Kandidat. Daran ändert auch das vollkommen überraschende Achtelfinal-Aus gegen Katar bei der Weltmeisterschaft 2017 überhaupt nichts.

Riskante Nominierung

Im Gegenteil: Der unerwartete K.o. gegen die aus der ganzen Welt zusammengekaufte Söldner-Auswahl vom Persischen Golf war ein heilsamer Schock für die Deutschen, die den Gegner schlichtweg unterschätzten, ihn nicht ernst nahmen. Ein derart fataler Fehler kann einer jungen Mannschaft, die in ihrer rasanten Entwicklung gleich mehrere Stufen übersprang, einmal passieren – aber nach der gerechten Strafe beim Turnier in Frankreich darf solch ein kollektiver Aussetzer kein zweites Mal vorkommen. Die Spieler jedenfalls betonen unisono, dass sie geläutert sind.

Wenn dem tatsächlich so ist, spricht nichts gegen ein erfolgreiches Turnier. Fast alle Profis der DHB-Auswahl stehen bei Spitzenclubs unter Vertrag. Das war nicht immer so, unterstreicht aber, dass in den vergangenen Jahren sehr, sehr viel richtig gemacht wurde. Die Qualität im Kader ist groß, mit seiner überraschenden Nominierung ging der neue Bundestrainer Christian Prokop indes auch ein Risiko ein.

Er verzichtet auf Finn Lemke und damit auf den Mann, der in den vergangenen Jahren der emotionale Anführer dieses Teams und der Fixpunkt in der Deckung war. Zusammen mit Hendrik Pekeler bildete er eines der weltbesten Mittelblock-Gespanne, das die Basis für EM-Titel und Olympia-Bronze 2016 bildete. Zudem lebte der in der Mannschaft sehr beliebte Lemke mehr als kein anderer den Teamgeist vor. Stattdessen sind nun mit Maximilian Janke und Bastian Roschek zwei unerfahrene Turnier-Neulinge dabei, die Prokop aus gemeinsamen Leipziger Zeiten kennt. Geht das schief, wird es Diskussionen um den Bundestrainer geben. Denn die Erwartungen in Deutschland sind ungebrochen groß.

Medaille würde Druck nehmen

Ein durchaus möglicher dritter Platz in der Hauptrunde hinter Dänemark und Spanien wäre zwar nicht gleichbedeutend mit dem schockierenden WM-Aus gegen Katar, aber eben schon ein Dämpfer für das ehrgeizige DHB-Team, das seit dem radikalen Umbruch 2014 noch größere Pläne als den EM-Titel 2016 verfolgt: WM-Gold 2019 beim Turnier im eigenen Land und Olympia-Gold 2020 lauten seit jeher die übergeordneten Ziele. Da wäre es gewiss nicht schlecht, sich für diese großen Projekte noch ein bisschen Selbstvertrauen mit einer EM-Medaille in Kroatien zu holen.