Kommentar

Die Ich-AG

Archivartikel

Marc Stevermüer zu Alexander Zverev

Alexander Zverev ist ein sehr guter Tennisspieler, wobei das noch untertrieben ist. Fast so, als würde man sagen, Cristiano Ronaldo könne ganz gut mit dem Fußball umgehen. Zverev gehört zu den Besten der Welt – und viele sagen, dass er irgendwann die Nummer eins wird. Wobei sich die Frage stellt, ob das – gerade auch für den Spieler selbst – so gut ist, wenn das alle immer sagen. Denn wenn man mal vom WM-Titel 2018 und dem Halbfinale bei den Australian Open 2020 absieht, fehlt da doch recht viel in der Vita, um von einem künftigen Seriensieger zu sprechen.

Es ist allerdings weniger die fehlende Konstanz oder der bislang ausgebliebene Grand-Slam-Titel, was manch einen enttäuscht zurücklässt. Es ist vielmehr, wie sich Zverev präsentiert. Für den Davis Cup konnte er sich noch nie so richtig begeistern. Mal sagte er für ein Abstiegsspiel ab, weil ihm die Umstellung auf einen Sandplatz nicht passte. Im vergangenen Jahr verzichtete der 23-Jährige auf das Finalturnier, er plante zunächst Urlaub auf den Malediven. Es ging dann aber doch nicht zum Baden an den Indischen Ozean, sondern nach Südamerika, um dort Schaukämpfe zu bestreiten. Wohlgemerkt zu jenem Zeitpunkt, als es für die anderen deutschen Spieler eine Ehre war, ihr Land als Mannschaft zu vertreten. Doch mit dem Teamgedanken kann Zverev nicht so viel anfangen, Solidarität, Rücksichtnahme und Vernunft sind der Ich-AG aus Hamburg offenbar auch eher fremd.

Als Vorbild unbrauchbar

Denn anders ist es kaum zu erklären, dass er bei der umstrittenen Adria Tour mitspielte, an der – gelinde gesagt – Sicherheitsmaßnahmen eher eine untergeordnete Rolle spielten. Ganz so, als gäbe es keine Pandemie – bis dann die ersten Corona-Tests positiv ausfielen. So auch beim Veranstalter und Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic, der mit seiner Realitätsferne genauso wie Zverev viel seiner Reputation verlor. So verhalten sich keine Vorbilder, zumal der Deutsche seine zunächst demütig verkündete Quarantäne dann doch verkürzte und auf einer Party in Monaco auftauchte. Ganz ehrlich: Geht‘s noch?

Das Turnier in Berlin wäre für den 23-Jährigen eine gute Möglichkeit gewesen, ein wenig Buße zu tun und den Fokus nach all den Turbulenzen auf sein Tennis zu richten. Zverev lässt diese Chance ungenutzt. Er sollte sich aber besser niemals fragen, warum ihn die Menschen nie so lieben werden wie Boris Becker.

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