Kommentar

Die Last der Dauerbrenner

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Situation der Löwen

Sieben Punkte Rückstand auf Platz eins, im Pokal nicht mehr dabei. Die Fakten klingen hart für die Rhein-Neckar Löwen, die jahrelang die Handball-Bundesliga dominiert haben. In dieser Saison wird es aber wohl auf nationaler Ebene beim nicht ganz so wertvollen Supercup-Triumph bleiben. Der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt sind einen Tick besser. Und wenn drei Weltklasse-Teams in einer Liga spielen, muss eines Dritter werden. In den vergangenen sechs Jahren waren das nie die Löwen – was auch etwas aussagt.

Jahr ohne Titel kein Drama

Insofern wäre es kein Drama, wenn die Badener in dieser Saison mal keinen Titel holen. Denn eine Meisterschaft oder ein Pokalsieg kann angesichts der wirtschaftlichen Nachteile gegenüber dem Kieler Branchenprimus nie erwartet werden. Und auch ein Jahr ohne Champions League wäre verschmerzbar, die Zuschauerrolle in der Königsklasse sollte nur nicht zum Dauerzustand werden. Deswegen gilt: Es ist nicht alles schlecht, zumal sich die Bundesliga-Bilanz keinesfalls katastrophal liest. Die Badener haben lediglich einen Minuspunkt mehr auf dem Konto als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison, in der sie bis zum Schluss um die Meisterschaft kämpften.

Aber: Es ist auch nicht alles gut. Die Integration der Neuzugänge ist bislang nur zum Teil gelungen, weshalb die Löwen ihren breitesten Kader seit vielen Jahren nicht wie geplant nutzen konnten. Auf den Halbpositionen gab es zuletzt wenig bis gar keine Entlastung für Mads Mensah Larsen und Alexander Petersson. Der THW hingegen wechselte gegen die Löwen schon nach wenigen Minuten den indisponierten und leicht verletzten Superstar Domagoj Duvnjak aus – mit Lukas Nilsson kam einer der Sieggaranten ins Spiel. Diese Impulse von der Bank gibt es bei den Badenern momentan ebenso wenig wie einen Plan B für den Fall, dass Andy Schmid mal nichts Außergewöhnliches kreiert. Nach sechs Jahren auf Weltklasse-Niveau leistete aber auch er sich zuletzt seine erste kleine Krise.

Formkurve steigt

Keine Frage: Es gilt, die Abhängigkeit von diesen Rückraum-Dauerbrennern zu minimieren. Langfristig durch clevere Transfers, von denen es mit den Verpflichtungen von Niclas Kirkeløkke und Romain Lagarde schon zwei gibt. Und kurzfristig durch das Ausschöpfen des eigenen Potenzials. Nationalspieler Steffen Fäth bringt zweifellos alles mit, um die Löwen zu verstärken. Er zeigte das jedoch nur zu Saisonbeginn und muss sich nun aus dem Tief kämpfen – so wie es zum Beispiel Schmid im Stile eines Kapitäns eindrucksvoll machte, was Hoffnung für den Rest der Runde gibt.

Denn noch im Herbst schien es so, als habe dieses routinierte – aber eben auch in die Jahre gekommene – Team seinen Zenit überschritten, weil es trotz der vielen Siege nicht gut spielte. Zuletzt – auch beim Pokal-Aus in Berlin oder jetzt in Kiel – stimmte aber die Leistung. Kurzum: Diese Mannschaft ist immer noch in der Lage, jeden Gegner zu schlagen. Und in der Champions League gibt es ja noch eine Titeloption.

 
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