Kommentar

Die Last der Vergangenheit

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Trainersuche in Hoffenheim

Julian Nagelsmann mit Jürgen Klopp zu vergleichen, wäre schlichtweg unangebracht, ja sogar falsch. Denn Klopp feierte bereits Titel, wurde zweimal Meister und einmal Pokalsieger mit Dortmund, Champions-League-Gewinner mit Liverpool – und ziemlich sicher wird er auch bald mit dem englischen Traditionsverein die Premier League für sich entscheiden. Kurzum: Dieser Mann gehört zu den ganz großen der Trainerzunft, Nagelsmann (noch) nicht. Letzterer ist allerdings auch erst 32 Jahre alt und hat noch reichlich Zeit, sich seine Meriten zu verdienen. Zum Vergleich: In diesem Alter kickte Klopp noch eher schlecht als recht beim Zweitligisten Mainz.

Und doch gibt es Parallelen zwischen Klopp und Nagelsmann, deren Gemeinsamkeiten es nicht ihren aktuellen Vereinen, sondern ihren Ex- Clubs so schwer machen. Bisweilen denkt man, die zwei Trainer wachen über die Dortmunder und die Sinsheimer Arena wie die Jesus-Statue in Rio über das Maracana-Stadion. Sie sind immer noch allgegenwärtig, weil beide eben nicht nur Trainer, sondern auch charismatische Typen, eine Mischung aus Menschenfänger und Entertainer sind.

1899 verliert an Bedeutung

In Dortmund sind Gedanken an Klopp nie bloß eine romantische Erinnerung, sondern sie haben immer auch etwas von der Verehrung eines Helden, an dem all seine Nachfolger Thomas Tuchel, Peter Bosz, Peter Stöger und Lucien Favre bislang gemessen wurden. Fast schon erwartungsgemäß war danach keiner wie Klopp, der ja nicht das einzige Beispiel dafür ist, wie schwer sich ein Verein plötzlich tun kann, wenn er so entscheidend von einem Trainer geprägt wurde. Man denke nur an den Karlsruher SC und Winfried Schäfer, an Werder Bremen mit Otto Rehhagel oder Thomas Schaaf. Und eines Tages wird es auch spannend, was aus dem SC Freiburg ohne Christian Streich wird.

Insofern hätte 1899 Hoffenheim im vergangenen Jahr ahnen können, dass die Nachfolgeregelung bei der Personalie Nagelsmann nicht nur sportlich, sondern auch emotional schwierig wird. Denn den Glanz, den dieser Trainer versprühte, die Aufmerksamkeit, die Nagelsmann auf sich zog, dazu das Scheinwerferlicht der Champions League – all das nahmen alle bei 1899 gerne mit, ehe mit dem Abschied des Trainers ein Bedeutungsverlust des Vereins einherging.

Denn unabhängig davon, ob gute Arbeit in Hoffenheim geleistet wird oder nicht, ist der Club ohne Nagelsmann für einen Großteil der Fußball-Interessierten und Medien wieder das, was er vorher war: Weder aufregend noch schick, sondern einfach nur ein am Reißbrett designter Emporkömmling mit überschaubarer Relevanz, der zuvor etwas mehr im Fokus stand, weil er einen jungen, coolen und noch dazu erfolgreichen Trainer hatte.

Doch diese Zeiten sind vorbei – und 1899 täte gut daran, das zu akzeptieren und diese Ära in jeglicher Hinsicht nicht zum Maßstab zu machen. Denn ansonsten wird es auch jeder Nachfolger des entlassenen Nagelsmann-Erben Alfred Schreuder schwer haben. Einfach mal bei Tuchel, Bosz, Stöger und Favre nachfragen.