Kommentar

Die Lehren aus den Festtagen

Archivartikel

Marc Stevermüer zu den Halbfinalspielen der Königsklasse

Natürlich gab es kein Drehbuch. Aber besser hätten die Halbfinalspiele der Champions League einfach nicht enden können. Dem Krimi von Liverpool folgte das Drama von Amsterdam, wo Tottenham Hotspur auf den letzten Drücker ins Finale einzog. Die beiden Mannschaften lieferten sich wie schon zuvor Liverpool und Barcelona ein mitreißendes, ja episches Duell, weshalb die deutsche Erkenntnis nach diesen Partien recht ernüchternd klingt: Im Halbfinale hatte angesichts des gezeigten Tempos, der Dynamik, der Energie und Risikobereitschaft wahrlich kein Bundesligist etwas zu suchen. Bayern München, Borussia Dortmund und Co. können aber zweifelsohne sehr viel lernen aus dieser Woche – allen voran von Ajax und Tottenham sollte sich die Bundesliga inspirieren lassen.

Etwas mehr als 50 Millionen Euro gab Amsterdam in den vergangenen Jahren für seine Startelf vom Mittwochabend aus und legte davon jeden Cent sinnvoll an. Zum Vergleich: Der VfB Stuttgart investierte allein vor dieser Saison 48 Millionen Euro – und muss nun um den Klassenerhalt in der Bundesliga bangen. Kurzum: In Amsterdam machen sie seit längerer Zeit mit relativ wenig Geld ganz schön viel richtig. Vor zwei Jahren stand der Club schon im Finale der Europa League – mit gerade einmal acht Millionen Euro Fernsehgeld. So viel bekam in Deutschland damals Zweitliga-Absteiger Karlsruher SC.

Erfolg ist planbar

Und auch Tottenham ist nicht gerade dafür bekannt, mit Millionen um sich zu werfen – obwohl das die Engländer dank der unvorstellbaren TV-Einnahmen auf der Insel könnten. Vor dieser Saison und auch in der Winterpause verpflichteten die Londoner aber keinen einzigen Spieler. Wie Ajax setzen die Spurs lieber auf gezielte Transfers und selbst entwickelte Stars wie Dele Alli und Danny Rose.

Das Ergebnis ist bekannt – und es kann sich sehen lassen: Amsterdam und Tottenham mischten in dieser Runde die Liga der Superreichen ganz schön auf, sie sprengten den lange Zeit geschlossenen Zirkel aus den immer gleichen Titelkandidaten und machten vor, was mit klugen Personalentscheidungen, starker Nachwuchsarbeit und Vertrauen in einen Trainer samt seiner offensiven, attraktiven und mutigen Spielphilosophie möglich ist. Dafür brauchten beide Clubs weder Mega-Stars noch Rekord-Ablösen – und natürlich auch kein Drehbuch, sondern einfach nur einen Plan. Die Bundesliga hat beim Anschauungsunterricht hoffentlich sehr gut aufgepasst.

 
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