Kommentar

Die Tränen des Gigi Buffon

Claudio Palmieri zu WM-Aus der Squadra Azzurra

 

Gegen Mitte der zweiten Halbzeit schnauzte Daniele de Rossi einen Teambetreuer an. Der 35-jährige Römer, einer von drei zuletzt verbliebenen Weltmeistern von 2006, weigerte sich partout, sich warmzumachen - und zeigte auf Napoli-Star Lorenzo Insigne, der das Schicksalsspiel gegen Schweden neben ihm auf der Bank verfolgte. "Wir müssen Tore schießen", soll de Rossi entgegnet haben.

Kann eine so selbstlose Geste sinnbildlich für die vielzitierte "Apokalyse" der italienischen Nationalelf stehen? Ja. Denn auch wenn die Squadra Azzurra nach außen hin stets hinter Gian Piero Ventura stand: Intern war der "Commissario Tecnico" längst nicht mehr unumstritten. Schon nach dem 1:1 gegen Mazedonien im Oktober hatte sich das Team zu einer Krisensitzung getroffen - ohne den 69-Jährigen. Und sich dabei unter anderem gegen das von Ventura angestrengte 4-2-4-System ausgesprochen.

Ein Gesichtsverlust

Nach diesem Gesichtsverlust hätte Italiens Fußballverband reagieren können - ja, müssen. Fünf Wochen später ist das Debakel perfekt: Italien verpasst erstmals seit 1992 wieder ein großes Turnier und erstmals seit 1958 die WM-Endrunde. Sportlich liegt die Schuld bei Ventura, der sich als geschätzter Talentspäher für den Job empfohlen hatte. Unter seiner Führung wirkten die Azzurri mut- und ideenlos. Nur zur Erinnerung: Im Juni 2016 schlug quasi dieselbe Mannschaft, die jetzt über 180 Play-off-Minuten torlos blieb, Belgien, Schweden und Spanien. Weltmeister Deutschland zwang man ins Elfmeterschießen.

Doch von der klaren Handschrift, die sein Vorgänger Antonio Conte hinterlassen hatte, ist nichts mehr zu erkennen. Von Venturas fehlender Fähigkeit oder Bereitschaft, potenzielle Leistungsträger wie Insigne, den Italo-Brasilianer Jorginho oder Sturmtalent Andrea Belotti (besser) zu integrieren, ganz zu schweigen. Taktik, Persönlichkeit und Cleverness - das waren einmal italienische Kernkompetenzen.

Genau daran scheiterte nun eine völlig verunsicherte Truppe im San Siro. Den fälligen Umbruch überlässt Ventura seinem Nachfolger.

Scheinheiligkeit bleibt

Zurück bleiben die Tränen des großen Gigi Buffon - und eine Scheinheiligkeit, die von den Serie-A-Klubs über den Verband bis in tiefste Gesellschaftsstrukturen reicht. Neue Stadien, eine vernünftige Ligeneinteilung, mehr öffentliche Sportplätze und eine bessere Förderung heimischer Talente wurden schon nach dem WM-Vorrundenaus 2010 und 2014 angekündigt. Getan hat sich unterm Strich nichts.

Lange konnte die Squadra Azzurra über die Trägheit eines so krisengeschüttelten wie stolzen Landes hinwegtäuschen und -trösten. Jetzt hat "la crisi" auch den Calcio erfasst - andere nationale Sportverbände klagen schon länger. Es braucht endlich Mut zur Veränderung. Und vor allem Taten - denn neue Pirlos, del Pieros, Buffons und Maldinis wachsen nicht auf Bäumen.