Kommentar

Die Welt, in der wir leben

Die Fans standen längst, ein Reporter flippte völlig aus und schrie seine Begeisterung in das Mikrofon: Als Konstanze Klosterhalfen am Samstag nach 5000 Metern die Ziellinie überquerte, war das Berliner Olympiastadion aus dem Häuschen – zumindest ein Großteil. Es gab aber auch Trainer und Medienschaffende, die sich fragend anschauten. Und das zu Recht, gilt es doch, die Leistung zu bewerten, sie einzuordnen – und da ist eine gesunde Skepsis durchaus angebracht.

Losgelöst von allen äußeren Faktoren bot Klosterhalfen eine phänomenale Leistung. Sie pulverisierte den 20 Jahre alten Deutschen Rekord von Irina Mikitenko um mehr als 15 Sekunden. Nur Alina Reh, die selbst als deutsche Laufhoffnung gilt, wurde im 25er-Feld nicht überrundet und sprach anschließend um Fassung ringend von einer Deklassierung. Ende Juni hatte Klosterhalfen bereits die deutsche Bestmarke über 3000 Meter pulverisiert.

Umstrittene Zusammenarbeit

Es mag die erst 22-Jährige nerven, dass sie ihre Leistungsexplosion ständig erklären muss. Sie hat sich damit aber arrangiert, weil sie weiß, dass der harte Einschnitt in ihrem Sportlerleben Fragen aufwirft. Klosterhalfen startet zwar weiter für Leverkusen, Ende 2018 hat sie ihren Lebensmittelpunkt aber an die amerikanische Westküste verlegt. Seitdem trainiert sie im Leistungszentrum des Sportartikelherstellers Nike, das nicht unumstritten ist: Gegen Alberto Salazar, den Chef des gigantischen Projekts, läuft seit einigen Jahren eine Untersuchung der US-Anti-Doping-Behörde Usada. Bei Salazar gilt die Unschuldsvermutung – wie bei Klosterhalfen: Die 22-Jährige ist nie positiv getestet worden, weswegen ihr Rekord in den deutschen Sportgeschichtsbüchern verewigt wird.

Es liegt in der Natur des Menschen, sich fast blind mit einem Sportler über dessen Erfolge freuen zu wollen. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass in den Himmel gehobene Idole ganz tief fallen können. Das ist schade, aber nicht gerade selten in der Welt, in der wir leben.

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