Kommentar

Die Zeit drängt

Madeleine Bierlein hofft, dass die Politik beim Weltklimagipfel in Madrid liefert – und sich nicht wieder in zähen Verhandlungen verliert

Time for action – Zeit zu handeln, so lautet das Motto der Weltklimakonferenz, die am Montag in Madrid beginnt. Die Wirklichkeit in Deutschland, Europa und der Welt sieht allerdings anders aus: Zähes Ringen um den kleinsten gemeinsamen Nenner verhindert derzeit auf nahezu allen Ebenen einen effektiven Klimaschutz. Zuletzt sichtbar wurde dies am Freitag, als der Bundesrat wichtige Teile des deutschen Klimapakets stoppte.

Wie knapp die Zeit tatsächlich ist, zeigt sich weltweit: Das Eis am Nordpol nimmt beständig ab, Temperatur- und Trockenheits- rekorde fallen in immer kürzeren Abständen. Den Wissenschaftlern, die die menschengemachte Katastrophe erforschen, ist die Verzweiflung mittlerweile deutlich anzumerken. Immer mehr von ihnen verlassen den Elfenbeinturm und flehen – unter anderem als „Scientists for Future“ – die Politik an, endlich zu handeln.

Doch was macht die? Zu wenig jedenfalls. Aus Angst vor wirtschaftlichen Einbußen und sozialen Spannungen hat die Bundesregierung ein ambitionsloses Klimapäckchen eingebracht, das nun in großen Teilen noch einmal nachverhandelt werden muss. Schon jetzt ist ganz klar: Damit wird Deutschland seine Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen niemals erfüllen können.

In den allermeisten anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Die USA leugnen die wissenschaftlichen Erkenntnisse sogar ganz und haben offiziell die Kündigung des Vertrag eingereicht. Brasilien könnte diesem Beispiel schon bald folgen.

Dennoch gibt es Grund zu vorsichtiger Hoffnung. Denn die lange Zeit als unpolitisch kritisierte Schüler- und Studentengeneration hat den Kampf um ihre Zukunft aufgenommen und fordert auf den Straßen lautstark Veränderung. An ihrer Seite marschieren auch viele Berufstätige und Rentner. Allein am gestrigen Freitag demonstrierten weltweit Millionen Männer, Frauen und Kinder, in Deutschland wurden rund 630 000 Teilnehmer gezählt. Viele Menschen haben begonnen, ihren Lebensstil zu überdenken, reduzieren ihren Fleischkonsum, fliegen nicht mehr, kaufen nachhaltige Produkte.

Auch in der Wirtschaft tut sich einiges. Große Industrieunternehmen setzen sich selbst ambitionierte CO2-Ziele. Start-ups drängen mit nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen auf den Markt und zeigen, dass der Weg hin zu einer klimaneutralen Welt auch viele Chancen birgt.

All diese Ansätze sind richtig und wichtig. Doch um die Erderwärmung stoppen zu können, braucht es zusätzlich eine globale Klimapolitik. Hier sind die Akteure in Madrid gefragt. Sollten sie bei der nunmehr 25. UN-Klimakonferenz entgegen dem Motto erneut im Vagen bleiben, müssen Zivilgesellschaft und Wissenschaft den Druck dramatisch erhöhen. Und zwar bevor die befürchteten Kipppunkte erreicht werden – und sich die Entwicklung gar nicht mehr kontrollieren lässt. Die Zeit drängt.

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