Kommentar

Die Zweifel wachsen

Archivartikel

Alexander Müller zu Joachim Löws WM-Analyse

Das Ambiente hatte etwas von Regierungspressekonferenz. Also sprach Fußball-Kanzler Joachim Löw zwei Monate nach dem beispiellosen Desaster bei der WM in Russland erstmals wieder zum Volk; das, wenn schon nicht eine flammende, dann wenigstens eine Hoffnung machende Rede erwartete, wie der tief gestürzte Weltmeister wieder aufgerichtet werden soll. Das Ergebnis war, um es mit einem Wort zu sagen: enttäuschend.

Der Bundestrainer schaffte es in fast zwei Stunden vor den Medien nicht, glaubwürdig zu vermitteln, dass er noch der richtige Mann ist, um die DFB-Elf aus ihrem historischen Tief herauszuführen. Die Zweifel an Löws Zukunftstauglichkeit sind eher gewachsen als geschrumpft.

Ein bisschen Selbstkritik hier, ein paar Bauernopfer wie den in die Scouting-Abteilung wegbeförderten Co-Trainer Thomas Schneider dort, dazu einige erwartbare personelle Kleinkorrekturen am Kader wie die Nicht-Berücksichtigung von Sami Khedira sowie die dezente Frischluftzufuhr mit den Neulingen Nico Schulz, Kai Havertz und Thilo Kehrer – aber ganz viel „Weiter so!“. Der von Löw umrissene Plan, wie er das DFB-Flaggschiff wieder flott bekommen will, überzeugt kaum. Ein bisschen mehr Balance zwischen Offensive und Defensive, eine Abkehr vom Dogma des Ballbesitzfußballs, der Appell an die Führungsspieler, wieder mit Herzblut statt mit der Selbstgefälligkeit von Russland zu Werke zu gehen – das ist nach einem Fiasko von der Tragweite dieser WM zu wenig. Und es wird garantiert nicht genügen, um die notwendige Aufbruchstimmung in der Fußball-Nation zu erzeugen. Dazu passte Löws Körpersprache: Statt Zuversicht zu verbreiten, wirkte der Bundestrainer nachdenklich und angeschlagen, sein langer Eröffnungsvortrag wie auswendig gelernt.

Was ist mit der Entfremdung?

Was sein Teammanager Oliver Bierhoff zum Thema Entfremdung zwischen Fans und Nationalteam zu sagen hatte, grenzte sogar an Arroganz. Als sei die konsequent betriebene Abschottungspolitik des DFB in den vergangenen Jahren eine Erfindung der Medien, tat der frühere Mittelstürmer die wachsende Kritik ab. Statt seltsamer Werbeslogans wie „Zsmmn“ oder überflüssiger PR-Etiketten wie „Die Mannschaft“ soll es künftig aber wieder zumindest hin und wieder ein öffentliches Training als Zugeständnis an die Fans geben, die sich emotional immer mehr vom Fußball-Aushängeschild des Landes abgewendet haben.

Man darf nach Bierhoffs Einlassungen gespannt sein, ob die deutschen Stars bei ihrer Stippvisite in der Region rund um das Länderspiel in Sinsheim am 9. September wieder nahbarer sein werden als in den vergangenen Jahren, in denen der DFB die A-Elf in den Mannschaftshotels hermetisch abriegelte. Auch über das Thema Anstoßzeiten darf Bierhoff gerne einmal nachdenken: 20.45 Uhr mag für das Fernsehen ideal sein, aber sicher nicht für Familien mit Kindern, wenn in Baden-Württemberg am Tag darauf die Schule wieder beginnt.