Kommentar

Digitale Schweigepflicht

Archivartikel

Madeleine Bierlein über den Schutz von Gesundheitsdaten, der oberste Priorität genießen muss

Es gibt kaum sensiblere Daten als diejenigen, die unsere Gesundheit betreffen. Das berührt Informationen über kleinere Wehwehchen wie einen Läusebefall und reicht bis zur Diagnostik von Gendefekten. Zum Start der elektronischen Patientenakte muss der Schutz der Gesundheitsdaten daher oberste Priorität genießen – auch wenn das die Einführung noch einmal verzögern sollte.

So viel vorweg: Die digitale Gesundheitsakte birgt zahlreiche Vorteile. Damit können Ärzte und Apotheker sofort sehen, welche Medikamente ein Patient einnimmt, und mögliche Unverträglichkeiten vermeiden. Ein Blick auf vorliegende Röntgenbilder und Labordaten verhindert unnötige, mitunter belastende Doppeluntersuchungen.

Doch der Datensegen kennt Grenzen. Es geht den Physiotherapeuten schlicht nichts an, wenn ein Patient an Erektionsstörungen leidet – und dies für sich behalten will. Und die Zahnärztin muss für die Paradontose-Behandlung nicht wissen, dass eine Patientin Jahre zuvor einen Schwangerschaftsabbruch hatte. In der analogen Welt verhindert die Schweigepflicht der Ärzte eine Weitergabe. Im digitalen Zeitalter braucht es dafür technische Lösungen.

Grundsätzlich sieht das auch das Gesundheitsministerium so. Deswegen ist die Akte so gedacht, dass jeder Einzelne auswählen kann, welcher Arzt, Apotheker und Therapeut welche Information erhält. Der Patient als Herr über seine Daten könnte dann beispielsweise veranlassen, dass besagter Physiotherapeut Zugriff auf Einträge des Orthopäden erhält, aber eben nicht auf andere.

Doch genau an dieser Stelle scheint es derzeit zu knirschen – aus technischen Gründen. Wenn das Gesundheitsministerium nun erwägt, aus Zeitdruck die E-Patientenakte mit Einschränkungen an den Start zu bringen, ist das hoch problematisch. Denn der Patient hätte dann lediglich die Möglichkeit, seine Daten ganz oder gar nicht freizugeben. Das aber widerspricht dem in der Datenschutzgrundverordnung vorgeschriebenen „Grundsatz der Datenminimierung“, sprich der Vorgabe, digitale Informationen immer nur dann weiterzugeben, wenn der Zweck es auch erfordert.

Und noch eines sollte der Gesundheitsminister bedenken: Wenn die Patienten nicht darauf vertrauen können, dass sorgsam mit ihren Daten umgegangen wird, gefährdet das das ganze Projekt elektronische Gesundheitsakte. Und damit auch die vielen Vorteile, die die Digitalisierung in diesem sensiblen Bereich bringen kann.