Kommentar

Draghis Pflöcke

Archivartikel

Rolf Obertreis bewertet die Amtszeit des EZB-Präsidenten

Der Mann wird umstritten bleiben. Nur eines kann man Mario Draghi nicht vorhalten: Dass er sich als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht immer für die Europäische Währungsunion und für den Euro eingesetzt hat. Für den Italiener ist beides Basis für den Wohlstand und die gedeihliche Entwicklung in Europa. Über den Weg lässt sich freilich streiten.

Draghi hat es zum Ende seiner Amtszeit möglicherweise übertrieben. Nicht nur mit der Lockerung der Geldpolitik. Sondern mit der Art und Weise, wie er das gegen erhebliche Bedenken im Rat der EZB durchgesetzt hat. Das Gremium gilt als zerstritten. Ein EZB-Präsident muss zwar Durchsetzungsfähigkeit an den Tag legen. Aber auch Diskussionsbereitschaft. Und er sollte zuhören können. Im Rat der EZB sitzen schließlich keine Laien.

Die Kritik vor allem aus Deutschland an der Nullzinspolitik muss Draghi hinnehmen. Die EZB ist aber auch nicht dazu da, Sparern und Banken Zinseinnahmen zu garantieren. Sie muss die wirtschaftliche Entwicklung und stabile Preise im Blick haben.

Draghi hat aber ganz tiefe Pflöcke eingeschlagen. Niedrige Zinsen sind auf Jahre festgezurrt. Seine Nachfolgerin Christine Lagarde wird die Geldpolitik nur schwer wieder auf einen normalen Pfad zurückführen können. Das bleibt ein Manko von Draghis Amtszeit. Andererseits würde es den Euro und die Eurozone in der heutigen Form gar nicht mehr geben, hätte er im Sommer 2012 nicht das klare Signal gegeben, alles zu tun, um den Euro zu retten. Wäre das nicht gelungen, hätten Sparer, Banker, Verbraucher, Ökonomen und Politiker heute viel mehr Grund zu klagen.

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