Kommentar

Dramatische Zäsur

Birgit Holzer sieht angesichts des Brandes der Kathedrale Notre-Dame die Chance, dass sich die Franzosen wieder auf Verbindendes besinnen

Der Montagabend sollte eine Zäsur in Frankreich setzen, um die aufgebrachte Stimmung im Land nach Monaten der teils gewaltsamen Proteste der „Gelbwesten“ wieder zu beruhigen. Mit seiner Ansprache wollte Präsident Emmanuel Macron einen konstruktiven Weg in die Zukunft weisen, einen Neuanfang seiner Präsidentschaft lancieren und die soziale Krise hinter sich lassen, die ihn unter Druck setzt und alle Reformvorhaben blockiert. Vielleicht brachte der Montagabend in der Tat eine Zäsur, womöglich sogar eine positive trotz der dramatischen Ereignisse – aber ganz anders als gedacht.

Macron musste seine geplante Fernsehansprache absagen, weil die Kathedrale Notre-Dame brannte. Angesichts der lodernden Flammen über dem jahrhundertealten Monument interessierte sich plötzlich niemand mehr für die Ankündigungen des Präsidenten, die kurz zuvor noch als so entscheidend für sein politisches Schicksal gegolten hatten. Wie inzwischen durchsickerte, wollte er unter anderem Steuersenkungen für die Mittelklasse und die Einführung von Volksbefragungen auf lokaler Ebene versprechen.

Ein ganzes Bündel an Maßnahmen hatte Macron vorbereitet, und doch ist zu bezweifeln, dass sie den Volkszorn entscheidend besänftigt und die verlorene Einheit eines zerrissenen Landes wiederhergestellt hätten. Kann das nun infolge des erschütternden Dramas gelingen, das sich im Herzen der französischen Hauptstadt abgespielt hat?

Zumindest kurzzeitig erscheint dessen Wirkung wie jene eines kräftigen Wasserstrahls, der auf ein loderndes Feuer gespritzt wird: beruhigend. Und das erscheint auch notwendig. Denn die derzeitige politische Kultur in Frankreich wirkt erbärmlich, und alle Akteure haben ihren Anteil daran: die Regierung unter Macron, die selbstherrlich voranschritt und es dabei an sozialen Elementen fehlen ließ. Aber auch die Oppositionsparteien bringen außer pauschaler Kritik wenig konstruktive Alternativvorschläge. Die Medien wiederum interessieren sich statt für politische Inhalte mehr für persönliche Mankos und stellen Politik zu oft als Gladiatorenspiel dar, von dem sich das Volk angewidert abwendet. Welches wiederum im Fall mancher „Gelbwesten“ denkt, dass es sich nur mit Gewalt Gehör verschaffen kann.

So bitter die großen Zerstörungen der einzigartigen Kathedrale Notre-Dame sind und so mühsam ihr Wiederaufbau wird – die Katastrophe ließ Frankreich innehalten und brachte die Menschen dazu, sich mehr als auf das Trennende auf das zu besinnen, was sie eint: eine gemeinsame Kultur und eine geteilte Geschichte. Zumindest für einen Moment, der hoffentlich noch ein wenig andauert.