Kommentar

Dranbleiben

Archivartikel

Madeleine Bierlein über das neue Gesetz zur Organspende, das ein großer Schritt in die richtige Richtung ist. Nun müssen weitere folgen.

Rund 9400 schwerkranke Menschen stehen in Deutschland auf einer Warteliste für ein Spenderorgan. Sie alle hoffen, dass es rechtzeitig kommt – und mit ihm die Chance auf ein weitgehend normales Leben. Bislang stehen die Chancen statistisch gesehen schlecht. Besonders dramatisch: Die Kliniken, deren Aufgabe es ist, Menschenleben zu retten, vernachlässigen das Thema sträflich. Das neue Organspendegesetz ist da ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Die Fakten liegen schon lange auf dem Tisch: Entgegen der landläufigen Meinung ist die mangelnde Spendenbereitschaft in der Bevölkerung nicht das entscheidende Problem. Viel mehr krankt das System Organspende an der Mitarbeit der Krankenhäuser. So konnte eine deutschlandweite Analyse durch das Universitätsklinikum in Kiel zeigen, dass die Zahl der möglichen Spender von 2010 bis 2015 sogar zugenommen hat – und zwar um 14 Prozent. Allerdings wurden die potenziellen Organspender in den Kliniken immer seltener erkannt.

Die Gründe liegen auf der Hand: Auf deutschen Intensivstationen herrscht eklatante Personalnot. Ärzten und Pflegekräften bleibt dort schlicht keine Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Hier setzt das neue Gesetz an. Es schafft endlich Freiräume und gibt den Krankenhäusern mehr Geld für ihren Einsatz bei der Organspende.

Damit aber ist es nicht getan, nun müssen weitere Schritte folgen. Gerade wenn das Thema Organspende in Zukunft in Kliniken häufiger gegenüber Angehörigen angesprochen wird, gilt es, die Menschen vorzubereiten, ihre Ängste und Sorgen ernst zu nehmen. Noch immer fürchten viele Männer und Frauen, ihnen könnten Therapien vorenthalten werden, wenn sie einen Organspendeausweis haben. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Ein Patient, dem der Hirntod droht, benötigt maximale intensivmedizinische Betreuung. Das erklärt auch, warum eine Patientenverfügung eine Organspende ausschließt. Es ist medizinisch schlicht unmöglich, die Geräte auszustellen und dann noch Organe zu entnehmen.

Um dieses und weiteres Wissen in der Bevölkerung zu verbreiten, müssen Informationskampagnen viel früher ansetzen als auf der Intensivstation. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hat kürzlich gefordert, das Thema Organspende bereits an Schulen zu thematisieren. Recht hat er. Sexualität und der Beginn des Lebens sind heute selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichts. Das Lebensende hingegen wird weiterhin in großen Teilen ausgeklammert.

Doch nur wer gut informiert ist, kann auch in derart schwierigen Fragen wie der Organspende eine fundierte Meinung entwickeln. Am Ende des Weges könnte dann die bereits in einigen Ländern praktizierte Widerspruchslösung stehen. Bei diesem Modell gelten alle Menschen als Organspender, es sei denn, sie haben zu Lebzeiten widersprochen.