Kommentar

Ein Plan muss her

Tanja Tricarico zum Familienreport: Was der Politik fehlt, ist ein Gesamtkonzept zur Entlastung der Eltern

 

Selten zuvor ging es der deutschen Wirtschaft so gut wie heute. Die Auftragsbücher der Firmen sind voll. Das bringt Jobs, gute Einkommen. Und dennoch: Wer Kinder hat, weiß trotzdem in vielen Fällen nicht, woher das Geld für die Schulmaterialien kommen soll oder wie die neuen Winterstiefel finanziert werden können, weil die alten natürlich schon wieder zu klein sind.

Laut Familienreport sind fast drei Millionen Kinder in Deutschland armutsgefährdet. Die meisten kommen aus Familien mit geringem Einkommen. Manche leben nur mit einem Elternteil zusammen, andere haben viele Geschwister. Wieder andere sind mit ihren Eltern aus einem Bürgerkriegsland geflohen.

Die Gründe, warum die finanzielle Lage in den Familien prekär ist, sind vielfältig. Im Wahlkampf scheinen nahezu alle Parteien ihr Herz für die Familien entdeckt zu haben. Die SPD will das Kindergeld reformieren und damit gegen verdeckte Armut vorgehen. Das betrifft etwa die Eltern, die zu viel verdienen, um Grundsicherung zu bekommen, aber zu wenig Einnahmen haben, um von steuerlichen Vergünstigungen zu profitieren. Auch bei den Grünen und den Linken werden Zuschläge für das Kindergeld gefordert, mehr Unterstützung für Alleinerziehende und überhaupt viele Hilfen für Eltern, damit sie mehr Zeit haben, sich um die Kinder zu kümmern. Sogar bei Union und FDP kommen die Familien nicht zu kurz. Es geht auch um mehr Geld, um steuerliche Entlastungen, um mehr Betreuungsplätze, um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ja, Kinder und Eltern kommen in der Politik vor. Aber einen echten Schlachtplan, um die Lage für Familien in Deutschland zu verbessern, kann keine der Parteien präsentieren. Trotz der neuen Zahlen zur Kinderarmut kommt das Thema im Wahlkampf nicht an. Dabei ist dies nicht nur politisch ein Fehler, sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive fatal. Was Kindern guttut, hilft auch Eltern. Steuergeschenke allein reichen nicht aus. Auch der Bonus zum Kindergeld ist kein Allheilmittel.

Was fehlt, ist ein Gesamtkonzept, das die Bedürfnisse der Eltern, der Arbeitgeber, des Gesetzgebers und vor allem der Kinder berücksichtigt. Dazu gehören beispielsweise flexible Arbeitszeitmodelle. Sie bringen Mütter - und auch mehr Väter - in Arbeit. Jobs schaffen Einkommen und entspannen damit die finanzielle Lage in vielen Familien. Eltern, die drei Kinder und mehr haben, brauchen Familienhilfen, Unterstützung im Alltag, größeren Wohnraum. Lehrer und Erzieher müssen aus- und weitergebildet werden, um Kinder mit Migrationshintergrund zu betreuen. Das alles wird Geld kosten. Es sind Investitionen, die sich lohnen werden. Aber dazu fehlen offenbar die Ideen und Vorschläge. Familienpolitik gehört ganz oben auf die politische Agenda.