Kommentar

Ein Schritt voraus

Detlef Drewes hält die EU im Gegensatz zu den Briten beim Brexit für sehr gut vorbereitet

Nicht einmal die fantasievollsten Untergangspropheten in Brüssel hatten sich beim Brexit-Votum vor drei Jahren ein solches Chaos vorgestellt. Dennoch schweigen diejenigen, die für die EU das immer noch Unwirkliche vorbereiten mussten: den Austritt eines Landes aus der Gemeinschaft. Die Wortkargheit hat ihren guten Grund. Großbritannien muss seine Position finden, ehe die Gemeinschaft darauf reagieren kann – aber dennoch ist Brüssel den Briten immer einen Schritt voraus.

Seit Donnerstag steht fest, dass die 27 Staats- und Regierungschef bei ihrem Treffen im Oktober wohl bereit wären, einer erneuten Verschiebung des Brexits um drei Monate zuzustimmen – zumal, wenn Neuwahlen angesetzt würden. Diese zählen ebenso wie ein zweites Referendum zu den Ausnahmesituationen, die ausdrücklich als stichhaltige Gründe für eine Verlängerung der Schonfrist festgeschrieben wurden. Mehr noch: Noch EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger reibt sich insgeheim die Hände. Denn so lange London ordentliches Mitglied der Union bleibt, zahlt es auch seine Beiträge.

Europa hat all das getan, was die Briten bisher vermissen ließen: Man hat sich vorbereitet. Erst vor zwei Tagen präsentierte die EU einen Plan, mit fast 800 Millionen Euro jene Unternehmen zu unterstützen, die von den akuten Problemen nach dem Austritt besonders betroffen wären.

In fast allen Bereichen gibt es Übergangsfristen und Handreichungen für Zoll, Kontrollbehörden und Verwaltung, welche Zertifikate, Importbescheinigungen oder Einreiseformalitäten übergangsweise noch neun Monate gelten. Das mag penibel klingen. Tatsächlich ist es die Vorbereitung auf den Fall der Fälle, von dem noch niemand weiß, ob er am Ende nicht doch eintritt.

Das Durcheinander an der Themse hat nicht nur ein Zusammenrücken der 27 Mitgliedstaaten bewirkt, sondern eben auch eine strategisch abgestimmte Vorbereitung auf nahezu jeden Einzelfall. Denn niemand will, dass am Tag Eins nach dem Austritt plötzlich Verbraucherrechte nicht mehr gelten oder Flugzeuge nicht mehr in der EU landen. Und ganz nebenbei hat die Europäische Kommission, die diese Arbeiten federführend begleitet hat, noch etwas Wichtiges deutlich gemacht: Diese Europäische Union hat einen Schatz an Gemeinsamkeiten geschaffen, der bewahrt werden muss.

 
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