Kommentar

Ein Weckruf

Peter Reinhardt wertet die neuen Pisa-Ergebnisse als Zeugnis, das politisch unbedingt Konsequenzen haben muss

Es bleibt überraschend ruhig nach der Präsentation der neuen Pisa-Studie, die den deutschen Schülern ein gemischtes Zeugnis ausstellt. Die von manchem befürchtete Katastrophe ist ausgeblieben. Die Leistungen im Lesen wie in Mathematik und den Naturwissenschaften liegen zum Teil unter dem Niveau von 2006. Das ist enttäuschend. Nur weil auch die internationalen Vergleichswerte gesunken sind, schneidet Deutschland weiter überdurchschnittlich ab.

Für die Verschlechterung gibt es Gründe: Besonders die Entwicklung der Leseleistung lässt sich mit der veränderten Zusammensetzung der Schülerschaft erklären. Durch Flüchtlinge und die Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen gibt es deutlich mehr Haushalte, in denen nicht deutsch gesprochen wird. Der bundesweite Lehrermangel, der Unterrichtsausfall und die teils schlecht ausgestatteten Schulen tun ein Übriges.

Trotzdem darf die Bildungspolitik nicht zur Tagesordnung übergehen. Das durchwachsene Zeugnis ist ein Weckruf. Schon vor drei Jahren hatten die Leistungen stagniert. Der nach dem ersten „Pisa-Schock“ Anfang des Jahrtausends begonnene Aufwärtstrend war damals gestoppt worden und ist jetzt ins Gegenteil gekippt. Hinter den reinen Punktzahlen verbergen sich zwei besondere Problemzonen. Jeder fünfte 15-Jährige gehört in deutschen Schulen der Risikogruppe an, die nicht richtig lesen und schreiben kann. In manchen Schularten wächst diese Gruppe auf 30, 40 oder gar 50 Prozent an. Auf diesem Niveau wird es in vielen Berufen schwierig, eine duale Ausbildung zu schaffen.

Da hilft nur gezielte Sprachförderung, die schon in der Vorschule konsequent einsetzen muss. Baden-Württemberg hat da ein System aufgesetzt, das aber offenkundig noch nicht ausreicht. Nur ein ungenügend verdient sich das deutsche Schulsystem bei der Schaffung von Chancengleichheit. Noch immer ist der Zusammenhang zwischen niederem sozialem Status und schulischer Leistung hierzulande besonders stark ausgeprägt. Und Besserung ist nicht in Sicht. Helfen würde eine verbindliche Ganztagsbetreuung, weil die Kinder dann mehr Deutsch sprechen müssten. Aber viele dieser Angebote sind freiwillig und auf reine Betreuung ausgelegt.

Inzwischen gibt es in Deutschland viel detailliertere Bildungsvergleiche, die Leistungen der Schüler genauer erfassen und auch Vergleiche zwischen den Bundesländern ermöglichen. Trotzdem sollte auf den internationalen Maßstab nicht verzichtet werden, weil der den Blick weitet. Die Bildungspolitik muss immer auch über den nationalen Tellerrand hinausgucken.

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