Kommentar

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Eine mutige und gute Wahl

Südwesten.Im vergangenen Jahr sorgte die Shortlist des Deutschen Buchpreises für Aufsehen, weil sie so junge Nominierte hatte: Raphaela Edelbauer, Miku Sophie Kühmel und Tonio Schachinger. Alle unter 30. Gewonnen hat dann aber doch ein erfahrener alter Hase: Sasa Stanisic, damals 41 Jahre jung. Manch eine munkelte da schon, der wichtigste Buchpreis im Land sei zum Förderpreis mutiert. Und weil andere, renommierte Autoren wie Marlene Streeruwitz es nicht in die Shortlist schafften, sahen Kritiker schon eine Entwertung des gesamten Preises. Sagen wir es so: Die Auswahl war schlicht mutig!

Auch in diesem Jahr ist sie es. Die Jury – fünf Frauen, zwei Männer – hat vier Frauen und zwei Männer nominiert. Schwergewichte wie Robert Seethaler oder Frank Witzel, die auf der Longlist waren, kommen nicht zum Zug, haben also aus Jurysicht nicht den „Roman des Jahres“ geschrieben.
Dafür handeln die Werke der Verbliebenen von Migration und Post-Migration, von deutscher Geschichte und Familien oder – essayistisch-collagiert – von Zucker und den Verstrickungen des Landes im Kolonialismus. Das sind gute, sehr wichtige Themen.

Am bemerkenswertesten und damit mutigsten ist die Wahl Anne Webers. Ihr „Annette, ein Heldinnenepos“ ist ein hochinteressantes Buch, das endlich auch mal wieder stilistisch Wagnisse eingeht: Es ist, auch wenn am Ende Satz an Satz gereiht und alles gut verständlich ist, eine Versschöpfung, die so originell wie poetisch ist, so schön wie politisch-historisch wichtig. Weber erzählt das Leben von Anne Beaumanoir, die nicht nur im Nationalsozialismus jüdische Leben gerettet, sondern auch für die Unabhängigkeit Algeriens gekämpft hat. Eine Heroin.
Eine Degradierung des Preises kann mit dieser Shortlist nicht einhergehen. Es sind wichtige Werke, geschrieben von reifen Menschen.

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