Kommentar

Walter Serif über den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien, in dem die Türkei auch Russlands Monopol als Ordnungsmacht angreift

Eisschmelze

Archivartikel

Walter Serif über den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien, in dem die Türkei auch Russlands Monopol als Ordnungsmacht angreift

Wenn Diplomaten nicht mehr weiterwissen, frieren sie den Konflikt am liebsten ein und kümmern sich um andere Probleme. Davon gibt es ja auf dieser Welt genügend. Die Erfahrung lehrt aber: Irgendwann schmilzt das Eis – und dann gibt es keinen sicheren Boden mehr unter den Füßen. Bis dahin kann es Jahre dauern, deshalb ignorieren manche wie beim Klimawandel die Warnsignale. Genau das ist jetzt im Südkaukasus passiert.

Natürlich hat der Konflikt um Berg-Karabach seit dem Waffenstillstand 1994 immer mal wieder für kleinere internationale Schlagzeilen gesorgt, weil sich Armenien und Aserbaidschan auf militärische Scharmützel einließen. Aber diesmal sind die Gefechte heftiger, offensichtlich spielt sich in der Krisenregion ein richtiger Krieg ab. Unklar ist nur, ob seit Ende September Hunderte oder sogar Tausende Menschen gestorben sind. Die Frontmeldungen der Kriegsparteien lassen sich leider nicht überprüfen.

Jetzt rächt es sich jedenfalls, dass in all den Jahren keine stabile Lösung am Verhandlungstisch gefunden wurde. Die frühere Sowjetrepublik Aserbaidschan hat nach dem Zerfall des kommunistischen Weltreichs trotz heftigen Widerstands unfreiwillig den Verlust Berg-Karabachs hinnehmen müssen. Armenische Separatisten erklärten sich 1991 für unabhängig, obwohl „der schwarze Garten“ auf dem Gebiet Aserbaidschans liegt. 1992 kam es zum Krieg, das benachbarte Armenien unterstützte die Landsleute. Aserbaidschan hat sich aber auch nach dem Waffenstillstand nie mit dem Verlust zufriedengegeben. Nur: Militärisch gab es keine Siegchance.

Auch deshalb, weil Russland nicht nur zu beiden Staaten gute Beziehungen pflegte, sondern Armenien und Aserbaidschan mit Waffen versorgte. Das Kalkül: Mit einem Patt kann Russland auf diesem Feld des geopolitischen Schachbretts am besten leben. Moskau bezeichnet ja den Südkaukasus als „nahes Ausland“, hinter dem Euphemismus verbirgt sich glasklare Realpolitik: Nichts darf vor der Haustür ohne die Erlaubnis Russlands laufen.

Deshalb ist es für Präsident Wladimir Putin eine Blamage, dass die Aserbaidschaner die Offensive gegen ihren armenischen Todfeind starteten. Noch schlimmer ist es, dass sich danach Moskaus Engagement für einen neuen Waffenstillstand als erfolglos erwiesen hat. Die Kriegsparteien halten sich nicht an die Vereinbarung. Moskau hat aber auch daran zu knabbern, dass die Türkei Russlands Monopol als Ordnungsmacht unterminiert. Angeblich sind türkische Kampfjets und von Ankara angeheuerte syrische Söldner für Aserbaidschan im Einsatz. Wie schon in Syrien und Libyen stehen sich also die Türkei und Russland im Weg.

Präsident Recep Tayyip Erdogan will im Südkaukasus seinen Einfluss erweitern. Dass er sich gegen das christliche Armenien wendet und auf die Seite des islamischen Aserbaidschan schlägt, ist kein Wunder. Erdogan hat jedenfalls im Gegensatz zu Putin kein Interesse daran, dass der Konflikt wieder nur eingefroren wird. Er will die Eisschmelze für sich nutzen.