Kommentar

Emotionale Zerreißprobe

Zumindest in der öffentlichen Debatte ist der Schulsektor wieder zur Normalität zurückgekehrt. Über die schrittweise Rückkehr zur Normalität an den Schulen und in den Kitas ist aber ein Chor mit vielen Stimmen zu hören, die sich teilweise widersprechen. Da sind die Eltern, die nach acht Wochen Heimunterricht und gleichzeitigem Homeoffice unter Stress stehen und sich ihr normales Leben sehnlichst zurückwünschen. Aber es gibt auch Lehrer, die wegen Vorerkrankungen und Alter zu den Risikogruppen zählen und deswegen nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen.

Wie in einem Brennglas zeigen sich die Probleme in dem Protestbrief der Heidelberger Elternvertreter an Kultusministerin Susanne Eisenmann. Als „Schlag ins Gesicht“ kritisieren sie die schrittweise Öffnung der Grundschulen, zunächst für die Viertklässler und nach den Pfingstferien für die weiteren Klassen.

Schon die Wortwahl zeigt, wie sehr sich die Stimmung gedreht hat. Die Nerven liegen in vielen Haushalten blank. Aber das Coronavirus ist nicht plötzlich verschwunden. Will man in den Schulen den Infektionsschutz beherzigen, müssen die Klassen geteilt werden. Weil man weder die Räume noch die Zahl der Lehrer schlagartig verdoppeln kann, reicht die Kapazität höchstens für die Hälfte der Schüler im Präsenzunterricht. Natürlich hat das nichts mit der verlässlichen Grundschule zu tun, die den Eltern versprochen wurde, als es noch kein Virus gab.

Über die konkrete Verteilung des Unterrichts entscheidet nicht die Kultusministerin, sondern die Schule vor Ort. Wenn nur zehn oder ein wenig mehr Unterrichtsstunden pro Woche möglich sind, löst das natürlich kein Betreuungsproblem der Eltern. Da macht es keinen großen Unterschied, ob es täglich zwei Stunden sind oder größere Blöcke mit freien Tagen. Verlässlich ist das nicht und entsprechend unbefriedigend für die Eltern. Aber für diese Fragen sind die Schulen die Ansprechpartner und die Schulträger.

Trotzdem wird für Eisenmann der Frust der Eltern zu einem politischen Problem. Als Spitzenkandidatin der CDU bei der Landtagswahl in zehn Monaten kann sie massenhaften Ärger nicht gebrauchen. Schon bei der Kita-Öffnung hat sie in den vergangenen Tagen bei den Eltern Erwartungen geweckt, die sich vor Ort nicht erfüllen ließen. Bei den Schulen darf ihr das nicht noch einmal passieren. Je mehr der Konsens für die Schutzmaßnahmen sinkt, desto heikler und erklärungsbedürftiger wird die Situation an den Schulen.

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