Kommentar

Empathie wahren

Madeleine Bierlein über die Rettung der thailändischen Jungen und die Frage, warum das Schicksal anderer Kinder weniger Anteilnahme weckt

 

Sie haben es tatsächlich geschafft. In einer beispiellosen Rettungsaktion hat ein internationales Team zwölf Jungen und ihren Trainer unter allerwidrigsten Bedingungen aus einer thailändischen Höhle befreit. Tagelang zitterte die Weltöffentlichkeit um die Fußballmannschaft, hoffte, betete und atmete gestern schließlich erleichtert auf. Doch in die große Freude mischte sich zuletzt – vor allem in den sozialen Netzwerken – auch die Frage, ja der Vorwurf: Warum fiebern Menschen in aller Welt so mit diesen Jungen mit, während das Schicksal anderer Kinder relativiert oder gar verdrängt wird? Genannt wird dabei vor allem das Schicksal der vielen Flüchtlinge, die mittlerweile fast täglich im Mittelmeer ertrinken. Unter ihnen auch viele Jungen im Alter der thailändischen Fußballspieler.

Dazu bleibt zunächst einmal festzustellen: Natürlich ist es legitim, mit den eingeschlossenen Jungen mitzufiebern, Mitleid mit ihnen zu haben. Ohne Wenn und Aber. Denn es ist dieses Mit-Leiden, Mit-Fiebern, diese Fähigkeit, uns in fremde Betroffene hineinzuversetzen, die uns Menschen menschlich macht.

Doch gerade die Empathie, die angesichts des Höhlendramas so deutlich zutage trat, ist eine hervorragende Gelegenheit, darüber nachzudenken, warum das Schicksal mancher Leidenden weniger berührt. So weiß die Weltöffentlichkeit um die katastrophalen Bedingungen, unter denen Kinder in kongolesischen Minen arbeiten. Und sie weiß um die 1500 Opfer, die allein dieses Jahr bei der gefährlichen Fahrt übers Mittelmeer ertrunken sind. Gründe für die unterschiedliche Wahrnehmung gibt es viele: So ist das Höhlendrama zeitlich und örtlich begrenzt. Es hat einen Beginn und einen Abschluss. Und zwischendrin hoffen alle auf ein glückliches Ende. Das war schon 1963 beim „Wunder von Lengede“ und 2010 beim Minenunglück in Chile so. Dazu kommt: Diesen Unglücken fehlt die politische Dimension.

Ganz anders die Situation auf dem Mittelmeer oder im Kongo. Ein Ende des Leids ist dort nicht in Sicht. Und: Es hat auch mit uns und unserem Lebensstil zu tun. Migration wird zunehmend als Gefahr begriffen und ist in allen Ländern Europas zum innenpolitischen, hochumstrittenen Thema geworden. Zugleich trägt die europäische Handelspolitik dazu bei, den Menschen in Afrika ihre Lebensgrundlage zu nehmen. Es reicht also nicht, wie in Thailand eine internationale Rettungstruppe aufs Mittelmeer zu schicken, die Menschen aus Seenot zu retten, um das Problem gänzlich zu lösen. Denn die nächsten Verzweifelten sind schon unterwegs.

Die Augen zu verschließen, gar von „selbst verschuldeter Gefahr“ zu sprechen, und die private Seenotrettung zu kriminalisieren, ist indes auch keine Lösung, ja darf keine Lösung sein. Denn solch eine Reaktion ist zynisch, sie beraubt uns unserer Menschlichkeit und stellt die europäischen Werte infrage. Stattdessen sollten wir uns auf das Höhlendrama in Thailand besinnen. Denn dieses hat gezeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie zusammenhalten und an eine Lösung glauben. Das gibt Hoffnung.