Kommentar

Erbe der Sklaverei

Archivartikel

Thomas Spang über Donald Trump: Der US-Präsident findet zum Glück nicht genügend Kulturkämpfer, die mit ihm ins letzte Gefecht ziehen wollen

Etwas mehr als 155 Jahre nach der militärischen Kapitulation der Konföderierten im Bürgerkrieg erleben die Vereinigten Staaten in diesen Tagen vielleicht die letzte politische Schlacht um das gesellschaftliche Erbe der Sklaverei. Das Fanal dazu gab der qualvolle Tod des Schwarzen George Floyds unter dem Knie eines weißen Polizisten.

Seitdem gingen Millionen Amerikaner in allen 50 Bundesstaaten auf die Straße, um friedlich für ein Ende des strukturellen Rassismus und der Polizeigewalt zu demonstrieren. Unterstützt von Konservativen wie Mitt Romney, der Geschäftswelt und Sportinstitutionen wie der nationalen Football-Liga und dem Motorsportverband NASCAR konfrontiert die Nation die bösen Geister der Vergangenheit, die bis heute im Alltag von 46 Millionen Afroamerikanern herumspuken.

Anders als während der Unruhen Ende der 1960er Jahre kommt der Veränderungsdruck aus der Mitte der Gesellschaft. Schwarze und Weiße stürzen gemeinsam die Denkmäler der Konföderierten. Wie das von Jefferson Davis, dem letzten Präsidenten der Südstaaten in Richmond im US-Bundesstaat Virginia.

Dass der New Yorker Yankee Donald Trump sich dabei wie der letzte Führer der Konföderation positioniert, entbehrt nicht der Ironie. Er zitiert bei seinen wilden Rundumschlägen notorische Südstaaten-Rassisten, trommelt am Gedenktag zum Ende der Sklaverei seine Anhänger zu einer Kundgebung am Schauplatz eines der schlimmsten Massaker an Afroamerikanern zusammen und verhöhnt einen 75-jährigen Rentner, den die Polizei brutal zu Boden gestoßen hatte als einen Antifa-Aktivisten.

Den Bogen überspannte der Präsident, als er damit drohte, in der Verfassung garantierte Grundrechte mit dem Militär unterdrücken zu lassen. Dass sich sein oberster General Mark A. Milley, dafür entschuldigte, sich für Trumps martialische Show auf dem mit Tränengas geräumten Lafayette-Platz in Washington hergegeben zu haben, zeigt, wie sehr der Präsident auf verlorenem Posten kämpft.

Im Jahr 2020 finden sich nicht mehr genügend Kulturkrieger, die mit ihm Donald Trump in das letzte Gefecht ziehen wollen. Was nicht heißt, dass Trump kampflos aufgeben wird. Das macht ihn und seine Anhänger gefährlich. Aber er sieht zunehmend wie jemand aus, über den die Zeit hinweggegangen ist. Die Ära Trump lässt sich als das letzte Aufbäumen in einem Bürgerkrieg verstehen, der zwar militärisch aber politisch nie wirklich aufhörte. Mit seiner Abwahl im November würde deshalb auch mehr als nur eine Präsidentschaft zu Ende gehen.