Kommentar

Erdogan profitiert

Archivartikel

Tatjana Junker glaubt, dass Defizite bei der Integration mitverantwortlich dafür sind, dass der türkische Präsident in Deutschland auf viele Stimmen hoffen kann

 

Rund 1,4 Millionen Türken in Deutschland dürfen ab heute über die politische Zukunft am Bosporus mitbestimmen – und es ist zu befürchten, dass das Ergebnis hierzulande wieder für großes Befremden und Unverständnis sorgen wird. Denn erfahrungsgemäß kann Staatschef Recep Tayyip Erdogan mit überdurchschnittlich viel Unterstützung durch die Deutsch-Türken rechnen. Das dürfte bei der Parlaments- und Präsidentenwahl am 24. Juni auch so kommen.

Auf den ersten Blick ist das schwer verständlich. Einerseits genießen die hier lebenden Türken alle Vorzüge eines demokratischen Landes, in dem Meinungs- und Pressefreiheit zu den höchsten Werten zählen. Andererseits stärken sie in der Türkei einen Mann, der genau diese Werte mit Füßen tritt. Wie kommt das?

Zwei gewichtige Faktoren darf man dabei nicht übersehen: Zum einen haben Erdogan und seine AKP die Türkei in der Vergangenheit durch Reformen wirtschaftlich deutlich vorangebracht und den Wohlstand in der Bevölkerung gefördert. Zum anderen gilt der Staatschef trotz seiner autokratischen Anwandlungen vielen als derjenige, der am ehesten für Stabilität sorgen kann: Die Opposition ist zersplittert, die Türken haben in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Putsche erlebt und Regierungen zerbrechen sehen. Dazu kommt ein extrem unsicheres Umfeld mit Nachbarländern wie Syrien oder dem Irak. Zahlreiche Türken in Deutschland haben in der Türkei Familie. Die wirtschaftliche und politische Stabilität des Landes steht für viele deshalb an erster Stelle. Den Umgang Erdogans mit seinen Gegnern bekommt der ein oder andere hingegen im Alltag vielleicht gar nicht recht mit.

Man kann aber auch in Deutschland nach Gründen dafür suchen, warum Erdogan vermutlich zahlreiche Stimmen hier sammeln wird. In den USA beispielsweise hat er bei der türkischstämmigen Bevölkerung weniger Unterstützer. Die fühlt sich offenbar stärker in der amerikanischen Gesellschaft integriert. Bei uns hingegen haben viele Türken anscheinend den Eindruck, sie seien nicht willkommen.

Angesichts von Debatten wie der, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist das nicht allzu verwunderlich. Das schlechte politische Verhältnis zwischen Berlin und Ankara trägt vermutlich ebenfalls dazu bei: Angesichts der oft harschen Kritik an der Türkei – die ja eigentlich auf die Person Erdogan zielt – haben auch hier lebende Türken scheinbar zunehmend das Gefühl, sich für ihre Nationalität entschuldigen zu müssen.

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