Kommentar

Erfolg, der über Leichen geht

Jörg-Peter Klotz sieht die Zukunft des Echo höchst skeptisch

Es zeigt sich immer deutlicher: Die Echoverleihung an die Straßenrapper Kollegah und Farid Bang hat nicht nur die Auszeichnung nachhaltig beschädigt. Im Prinzip geht jeder Künstler, der am Donnerstag nicht wie Tote-Hosen-Sänger Campino dem Skandal widersprochen hat, mit Imagekratzern aus dem Desaster hervor. Selbst ein unzweifelhaft integrer Musiker wie Wolfgang Niedecken wurde in Erklärungsnot gebracht, weil er die Laudatio für seinen Freund Klaus Voormann nicht trüben wollte.

Dass der stille Weltstar den Echo inzwischen hanseatisch vornehm zurückgegeben hat und andere seinem Beispiel folgen, ist eine logische Konsequenz. Denn eine Auszeichnung, die das Verhöhnen von Auschwitzinsassen preiswürdig findet, ist nichts wert. Da muss auch niemand über die eigenen Gesetze des Hip-Hop und Kunstfreiheit debattieren. Denn worin soll der künstlerische Wert oder der Denkanstoß einer Provokation bestehen, den zynische Reimverkäufer aus simpler Geldgier formulieren? Fühlt sich irgendjemand außerhalb der militanten Nazi-Szene in seiner Freiheit eingeschränkt, weil es aus purem Anstand und Menschlichkeit tabu ist, fast verhungerte KZ-Opfer oder andere Minderheiten lächerlich zu machen? Das wollen ja nicht mal Kollegah und Farid Bang. Die beiden sind keine Antisemiten, aber ihre mit Stumpfsinn gepaarte Habgier ist ja nicht besser. Und weil die ewig gleichen Themen des Gangsta-Rap so dermaßen ausgereizt sind, rückt selbst ein einst so raffinierter Texter und Kurzzeit-Jura-Student wie Kollegah immer näher an die Straftatbestände rund um die Volksverhetzung.

Kurzsichtige Regeln

Diese Strategie aufgrund kurzsichtiger Regularien auch noch mit den höchsten Weihen der deutschen Musikindustrie auszeichnen zu müssen, ist der Todesstoß für den Echo in seiner bisherigen Form. Denn das Signal, das vom Donnerstag ausgeht, ist verheerend: Die Zahl verkaufter Platten ist alles, für Erfolg gehen wir buchstäblich über Leichen beziehungsweise die Würde von Opfern der deutschen Geschichte.

So denken die Verantwortlichen um den Heidelberger Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), natürlich nicht und haben sich schon am Donnerstagnachmittag inhaltlich distanziert. Ein hilfloser Versuch, eine Lawinenkatastrophe aufzuhalten. Hier zeigt sich der Webfehler der Auszeichnung: Denn die Lobbyorganisation ist offensichtlich zahnlos, wenn ein Labelchef wie Kollegah rote Linien zum Glühen bringt.

Aussetzen wäre das Mindeste

Klug wäre es jetzt, den Preis fürs Erste auszusetzen. Um ohne Produktionsdruck nachzudenken, wie unabhängige Korrektive eingebaut werden können. Man könnte die inhaltliche Verantwortung für den Echo ausgliedern – warum nicht an ein wissenschaftliches Institut an der Popakademie? So richtig vermissen würde die Gala kaum jemand: Lediglich 1,79 Millionen Fernsehzuschauer bei VOX sprechen ja für sich.

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