Kommentar

Erklärungsnot als Markenkern

Archivartikel

Eines muss man dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) lassen. Er schafft es immer wieder, für Fassungslosigkeit zu sorgen und seinen ohnehin schon arg ramponierten Ruf noch schlimmer zu beschädigen. Nun ist der größte Sportfachverband der Welt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten, womit sich die Liste an Skandalen in der jüngeren Vergangenheit verlängert. Zur Erinnerung: Die Affäre um eine 6,7-Millionen-Euro-Zahlung vor der WM 2006 ist bis heute ungeklärt. Und der Wirbel um die Fotos der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan vor der WM 2018 endete mit einem PR-Desaster samt Rassismus-Debatte. Kurzum: Die Erklärungsnot ist beim Verband zum Markenkern, die Krise zum Dauerzustand geworden – und dabei reden wir noch nicht einmal vom bescheidenen sportlichen Auftreten der Männer-Nationalmannschaft.

Es sind fehlende Ehrlichkeit, unverständliche Verschwiegenheit, kollektiver Realitätsverlust und offenbar auch Gesetzesverstöße, die den DFB wie einen Saustall dastehen lassen. Seiner Vorbildfunktion wird er deshalb schon lange nicht mehr gerecht, auch wenn die aktuelle Führung um Präsident Fritz Keller mit all dem Chaos nicht in Verbindung zu bringen ist.

Kellers Bewährungsprobe

Allerdings werden die Altlasten der Vergangenheit immer mehr zu einer Bewährungsprobe für den bislang doch recht profillosen neuen Mann an der Spitze. Demut und Bescheidenheit predigte er bei seiner Amtsübernahme, Keller sprach von neuen Zeiten, versprach mehr Transparenz und präsentierte sich als Aufklärer. An diesen Worten wird man ihn nach den neuesten Enthüllungen mehr denn je messen, zumal das mit der Bescheidenheit bislang – gelinde gesagt – nicht so gut geklappt hat. Die Flugzeugreise der Nationalmannschaft für eine 176 Kilometer lange Strecke von Stuttgart nach Basel im September hatte damit zumindest nichts zu tun, sondern bestätigte vielmehr die Dekadenz-statt-Demut-Mentalität einer – in diesem Falle sogar im wahrsten Sinne des Wortes – abgehobenen Fußballergeneration.

Es verwundert daher nicht, dass die Entfremdung zwischen dem Verband und der A-Nationalmannschaft auf der einen Seite sowie der Basis auf der anderen immer größer wird. Zumal man sich ja ohnehin schon längst nicht mehr fragt, was die Aufklärung bringt, sonder eher, was wohl der nächste Skandal ist.

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