Kommentar

Erschreckender Zustand bei Schalke 04

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Verfassung von Schalke 04

Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern. Das sagte zumindest einmal der französische Schriftsteller André Malraux. Nun ist es gewiss eher selten von Vorteil, nach hinten zu blicken. Das Geschehene ist in der Regel unveränderbar. Sehr wohl lässt sich aber meistens aus gemachten Fehlern sehr viel lernen. Übertragen auf Schalke 04 bedeutet das: Nach der vergangenen Rückrunde musste es eigentlich niemanden mehr überraschen, wie sich die Mannschaft in dieser Saison präsentiert. Entsprechende Prognosen tat der königsblaue Kaderplaner Michael Reschke vor der Runde allerdings zur allgemeinen Verwunderung als „komplette Fehldiagnose“ ab, was in emotionaler Hinsicht neben der Teamzusammensetzung das größte Problem ist. Denn die Schalker sahen sich unter Missachtung sämtlicher Signale eben nicht dort, wo sie jetzt stecken: im Abstiegskampf.

Die Gründe für den Absturz sind hinreichend bekannt, sie liegen teils Jahre zurück und lassen sich unter dem Oberbegriff Missmanagement in all seinen Facetten und Ausprägungen zusammenfassen. Gäbe es nicht den VfB Stuttgart – wo Reschke übrigens auch schon mal kolossal daneben lag und einen Abstieg ausschloss – und den Hamburger SV, wäre das Knappen-Chaos vielleicht noch viel früher aufgefallen. Die Parallelen zu beiden Clubs sind auf jeden Fall frappierend – und die unzähligen Probleme alarmierend.

Die erschütterende Bestandsaufnahme im Herbst 2020 lautet: Die Kasse ist leer, der Trainer in dieser Saison bereits gewechselt, die Mannschaft eher ein zusammengewürfelter Haufen und die Leistung nicht nur schlecht, sondern so gruselig, dass trotz der fehlenden Zuschauer-Einnahmen die Geisterspiele eine Wohltat sind. Für die Fans, weil sie sich diese Zumutung nicht im Stadion ansehen müssen. Und für die Mannschaft, die sich in dieser bedauernswerten Verfassung vermutlich ein dauerhaftes Pfeifkonzert als Begleitmelodie des Niedergangs anhören müsste.

0:8 bei den Bayern, 0:4 in Leipzig, 0:3 beim BVB: Gegen diese Gegner müssen die Schalker keinesfalls punkten, entsprechend diente das harte Startprogramm bislang auch als gern genommene Ausrede. Aber: Auch gegen Fast-Absteiger Werder Bremen, Außenseiter Union Berlin und Aufsteiger VfB Stuttgart gelang kein Sieg, was an die vergangene Rückrunde erinnert, als Erfolge gegen die jetzigen Zweitligisten Düsseldorf und Paderborn ausblieben. Die bedenkliche Entwicklung sollte deshalb nicht nur ein ganz lauter Weckruf, sondern eine eindringliche Warnung sein. Wer in der Zukunft lesen will, muss eben manchmal wirklich nur in der Vergangenheit blättern.

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