Kommentar

Birgit Holzer sieht Frankreich als ein gespaltenes Land, in dem der Respekt vor Andersdenkenden und -glaubenden fehlt

Erschütternd hilflos

Birgit Holzer sieht Frankreich als ein gespaltenes Land, in dem der Respekt vor Andersdenkenden und -glaubenden fehlt

Das Jahr 2015 hat derzeit einen fürchterlichen Nachhall in Frankreich. Es war das Terror-Jahr, das im Januar mit den mörderischen Attacken auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt begann und mit der Anschlagsserie in Paris auf ein Fußballstadion, die Konzerthalle Bataclan sowie mehrerer Café-Terrassen im November endete. 147 Menschen starben allein 2015, hunderte wurden teils schwer verletzt. Nun kehrt das Entsetzen von damals zurück, das bedrohliche Gefühl, Extremisten in ihrem Wahn könnten jederzeit, überall und mit unfassbarer Brutalität erneut zuschlagen.

Vor drei Wochen griff ein 25-jähriger Pakistaner vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude von „Charlie Hebdo“ zwei junge Journalisten mit einem Fleischermesser an und verletzte sie schwer. Die beiden machten einfach nur eine Zigarettenpause, hatten nichts mit „Charlie Hebdo“ zu tun – und wurden zufällige Opfer eines Fanatikers, der einmal mehr ein Symbol treffen wollte. Vermutlich reagierte er auf den derzeit stattfindenden Prozess um die Terror-Anschläge von Januar 2015, die den damaligen Horror wieder auf die Tagesordnung bringen. Daran, das ehemalige Gebäude für die Zeit der aufsehenerregenden Verhandlungen polizeilich zu schützen, hatte keiner gedacht. Ein Fehler.

Nun enthauptete ein 18-jähriger Tschetschene im ruhigen Örtchen Conflans-Sainte-Honorine den Lehrer Samuel Paty, der in einer Unterrichtsstunde Mohammed-Karikaturen gezeigt, damit den Zorn einiger muslimischer Schüler und Eltern auf sich gezogen hatte und derart angegriffen worden war, dass er schließlich Klage wegen Diffamierung einreichte. Auch bei diesem Mordfall kannte der Täter sein Opfer nicht, bezog sich wohl auf Informationen aus den sozialen Netzwerken – und ließ sich treiben von einem unvorstellbaren Hass auf ein Land, das ihn und seine Familie als Flüchtlinge aufgenommen und ihm den Schulbesuch ermöglicht hatte.

So entschlossen und fest die politisch Verantwortlichen bei der Verurteilung dieser Vorfälle auch auftreten, ihre Appelle an den Zusammenhalt, ihre Versicherungen, solche Brutalitäten nicht durchgehen zu lassen, klingen erschütternd hilflos. Frankreich ist seit 2015 nicht zur Ruhe gekommen. Es spaltet sich in Gruppen auf, die einander feindselig gegenüberstehen. Die Lösung kann nur Bildung und Erziehung sein – die Erziehung zu gemeinsamen Regeln für alle. Dazu gehört auch der Respekt der Andersdenkenden und -glaubenden. Dafür, dass er dies als Selbstverständlichkeit einforderte, hat Samuel Paty mit dem Leben bezahlt.