Kommentar

Erst ein Anfang

Manfred Loimeier erweitert die Diskussion über die Rückgabe kolonialer Kulturgüter um den Blick auf Afrika im Allgemeinen

So überfällig die Debatte um die Rückgabe kolonialer Beutekunst in deutschen Museen ist, so sehr lenkt diese Debatte vom Kern der Sache ab. Zum einen gibt es durchaus Staaten, die sich durch ihre Kulturgüter in deutschen Museen bestens repräsentiert sehen, zum anderen ermöglichen hier verbleibende Gegenstände durch die Form ihrer Präsentation eine Thematisierung der Zeit des deutschen Imperialismus. Und es gibt die Option eines globalen Zirkulierens von Kunstwerken.

Das Wichtigste bei dieser Debatte ist, sie weit zu fassen – und eben nicht auf Museumsstücke zu beschränken. Die deutsche Kolonialzeit war nicht nur eine Zeit des Kulturraubs, sondern auch der Ausbeutung, Unterwerfung und Vernichtung. In Tausenden von Büchern der deutschen Kolonialliteratur etwa werden Ansprüche auf Besitzungen in Übersee beschrieben. Derlei Bücher dokumentieren nicht nur das Kolonialdenken der Deutschen jener Zeit, sondern sie prägten es ihrerseits auch. Hans Grimms Roman „Volk ohne Raum“, der Bestseller über das frühere Deutsch-Südwest, ist mit seinem Einfluss auf Adolf Hitlers Expansionsdrang zweifelsohne der offensichtlichste Beleg.

Ähnlich wirken die Ideen der Kolonialzeit in ihrem Einfluss auf das Denken bis in die Gegenwart nach. Das Fortdauern dieses kolonialen Blicks mit Überlegenheitsfantasien und Herablassung findet sich nicht nur in Bildender Kunst und Literatur, Film oder Malerei, sondern prägt ebenso den Kern des zeitgenössischen westlichen Bildes von Afrika. Auf diese Weise wirken in Europa und mithin gleichermaßen in Deutschland kolonial begründete Denkstrukturen nach, die damit einen Kontakt blockieren, der auf Respekt und Wertschätzung beruhen sollte.

Selbstverständlich steht hinter der neuen politischen Ausrichtung unübersehbar die Erkenntnis, dass Afrika als Kontinent der Rohstoffe und Start-up-Modelle neue Aufmerksamkeit verdient, um zudem als Ziel für Konsumgüter, Arbeitskräfte und Investitionen genutzt werden zu können.

Doch ungeachtet dessen ist es für Deutschland selbst wichtig, die jahrzehntelang vernachlässigten und als unwirksam erachteten Prinzipien des Denkens und Handels der Kolonialzeit zu überprüfen. Da ist es nicht mit einer Fachdiskussion um Ausstellungsstücke in deutschen Museen getan, sondern da geht es um eine breite Auseinandersetzung, die keinen Deutschen unberührt lassen kann.

Selbst bei einer Klärung der musealen Besitzstände und ihrer eventuellen Rückgabe an die Herkunftsländer: Die Jahre der Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit stehen erst bevor, stehen erst ganz am Anfang. Das muss allen klar sein.