Kommentar

Es muss passen

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Walter Serif über die Herausforderungen bei der Integration von Migranten: Auch die Erwartungen an Zuwanderer dürfen nicht unrealistisch sein

Deutsche Sprache, schwere Sprache – mit dieser eher herablassenden Bemerkung haben Bundesbürger schon vor Jahrzehnten auf die ersten Gastarbeiter aus Italien und der Türkei herabgeschaut, weil diese eben nicht nur anders aussahen, sondern natürlich auch Probleme mit der Sprache Goethes und Schillers hatten. Die meisten Gastarbeiter blieben dennoch, viele wurden später Deutsche. Wie ihre Kinder und Enkel. Rund jeder Vierte, der in der Bundesrepublik lebt, hat deshalb einen Migrationshintergrund.

Dass die Bundesrepublik längst ein Einwanderungsland geworden ist – geschenkt. Aber die Debatte darüber, wie gut oder schlecht die Migranten in diesem Land integriert sind, und ob sie sich überhaupt anpassen wollen, beschäftigt uns ständig. Natürlich auch die Politik – und schon lange bevor die AfD gegen Flüchtlinge hetzt.

In der Diskussion fallen Leitsätze wie „Integration ist keine Einbahnstraße“, „Ohne Spracherwerb geht gar nichts“ oder: „Die deutsche Staatsbürgerschaft sollte am Ende der Integration stehen und nicht am Anfang“. Letzteres hat zum Beispiel Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann gesagt.

Auf den ersten Blick klingt das alles vernünftig. Es wird aber auch die Erwartung formuliert, dass Ausländer, die nach Deutschland kommen, zuerst mal in Vorleistung treten sollen. Wenn sie sich dabei gut anstellen, bekommen sie auch etwas. Und wenn nicht? Kinder, die schlecht Deutsch verstehen, haben nichts in der Grundschule zu suchen, meint Linnemann. Er will verpflichtende Sprachtests vor der Einschulung vorschreiben. Und wenn ein Kind daran scheitert? Soll es dann wirklich zu Hause bleiben? Ist das nicht eher Ausgrenzung statt Integration?

Derzeit kursieren zwei Studien, die vor diesem Hintergrund sehr interessant sind. Das Mannheimer Leibniz-Institut für Deutsche Sprache hat die Durchfallerquoten in Integrationskursen untersucht. Sie sind überraschend hoch. Weil zu viele faule und dumme Absolventen die Kurse besuchen? Die Studie kommt zum Ergebnis, dass die Anforderungen bei den Kursen zu anspruchsvoll sind.

Das kann Frusterlebnisse selbst bei Zuwanderern auslösen, die sich in Deutschland integrieren und hierbleiben wollen. Erst recht, wenn sie das Gefühl haben, dass Migranten unabhängig von ihrem Tun nicht willkommen sind. Und da kommt eine zweite Studie ins Spiel. Das ifo-Institut hat die Schulleistungen von Migrantenkindern untersucht, die jeweils sechs Monate vor und nach dem 1. Januar 2000 geboren wurden. Seit diesem Stichtag erhält der Zuwanderernachwuchs automatisch den deutschen Pass, wenn die Eltern schon lange hier leben.

Das überraschende Ergebnis: Die Kinder mit Personalausweis sprachen besser Deutsch und gingen häufiger aufs Gymnasium als die Vergleichsgruppe, die in dieselbe Klasse ging. Offensichtlich hatten die Kinder mit Pass das Gefühl, dass sie dazu gehören. Das hat sie motiviert – und die Eltern auch, etwas für die Bildung ihrer Kinder zu tun. Weil sie wissen, dass der Nachwuchs mit der deutschen Staatsangehörigkeit bessere Zukunftschancen hat. Integration ist wirklich keine Einbahnstraße.

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