Kommentar

Europa, du Schöne!

Walter Serif zur wachsenden Beliebtheit der Europäischen Union bei den Deutschen, die nicht nur wirtschaftliche Vorteile sehen

Als der damalige Kanzler Helmut Kohl 1992 auf dem EU-Gipfel in Maastricht die D-Mark für den Euro opferte, war das in den Augen vieler Bürger fast Landesverrat. Die neue Währung werde eine weiche sein, und die Deutschland AG ohne die harte Mark schweren Zeiten entgegenblicken, so die düsteren Befürchtungen. Mit der D-Mark würde außerdem einen Teil der deutschen Identität verloren gehen.

Es ist bekanntlich alles anders gekommen. Inzwischen haben die Deutschen gemerkt, dass ihre Wirtschaft am meisten vom Euro profitiert. Die Exporte haben den Wohlstand gesteigert. Auch wenn die Zahlen nicht mehr ganz so gut sind: Der Aufschwung geht immerhin schon ins zehnte Jahr, dem EU-Binnenmarkt sei Dank.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Deutschen in der aktuellen Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen die EU-Mitgliedschaft außergewöhnlich hoch einschätzen. Bei 58 Prozent der Bürger überwiegen die Vorteile, das sind mehr als doppelt so viele wie im Durchschnitt seit 1992. Und dabei geht es nicht nur um ökonomische Fragen. Gerade der Klimawandel, der sich nicht um Staatengrenzen schert, bringt die Deutschen zur Einsicht, dass wir mehr Europa brauchen – auch wenn die Populisten das Gegenteil behaupten. Die Mitgliedstaaten sollen sich – so der Wunsch der Befragten – „enger zusammenschließen“ und weniger ihre nationalen Interessen pflegen.

Letzteres ist allerdings noch Wunschdenken. Viele Staaten glauben, sie müssten auch in Brüssel weiter ihr eigenes Ding machen. Deshalb bemängeln die Bürger ja auch, wie Europa in der Praxis läuft. Zu viel Bürokratie, zu viele faule Kompromisse. In der EU ist vieles eben auch nicht besser als in Berlin oder in Paris.