Kommentar

Falsche Vorbilder

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Situation des; VfB Stuttgart

Es gibt sie ja immer wieder, diese warnenden Beispiele, die jedem Verein zeigen, was er tunlichst lassen sollte. Es reicht ein Blick nach Kaiserslautern, um die verheerenden Folgen eines dauerhaften Missmanagements zu sehen. Manch einen Club hielt es trotzdem nicht davon ab, sich den FCK mehr oder weniger zum Vorbild zu nehmen.

Das gilt für den Hamburger SV, aber auch für den VfB Stuttgart, der die gravierenden Folgen für die alarmierende Summe an Fehlern vor drei Jahren schon einmal mit dem Abstieg bezahlte, was den erneuten Absturz in die Zweitklassigkeit sowohl besonders dramatisch als auch extrem unverständlich macht. Denn all die gravierenden Schnitzer wurden schon einmal begangen, doch geändert hat sich nichts. Im Gegenteil: Der Verein ist wieder dort, wo er schon 2016 stand.

Stichwort Strategie: Erst verpflichtete Ex-Ex-Sportvorstand Jan Schindelmeiser ausschließlich junge Spieler, sein Nachfolger Michael Reschke setzte dann plötzlich auf viele Routiniers. Auf die taktische Grundausrichtung des Teams legte er indes weniger Wert, weshalb der VfB mit einem wahllos zusammengestellten Kader in die Saison ging, zu dem viele Systeme ein bisschen passten – aber eben keines so richtig.

Stichwort Kontinuität: Mit Thomas Hitzlsperger ist der dritte Sportvorstand und mit Nico Willig der fünfte Trainer seit Sommer 2016 am Werk. Beide trifft am Abstieg gewiss die geringste Schuld, was für Reschke keinesfalls gilt. Nichtsdestotrotz ist die Personalfluktuation frappierend.

Totale Selbstüberschätzung

Stichwort Ruhe: Präsident Wolfgang Dietrich philosophiert seit längerer Zeit von der Rückkehr ins internationale Geschäft. Gewiss: Hohe Ziele sind im Profisport stets lobenswert, haben in diesem Fall dann aber mehr etwas von gnadenloser Selbstüberschätzung. Die bittere Realität sieht ohnehin ganz anders aus: Der VfB ist jetzt das, was man eine Fahrstuhlmannschaft nennt – und der Präsident in der Bredouille. Er trägt die Hauptverantwortung für die Misere und muss erklären, wie der Club nach der Ausgliederung der Profiabteilung in eine AG irre Summen verprasste. Allein Daimler kaufte Anteile für 41,5 Millionen Euro, die nun mehr oder weniger futsch sind.

Kurzum: Der VfB ist nach wie vor eine Geldverbrennungsmaschine und ein Verein der stetigen Veränderungen, der anhaltenden Unruhe, der fehlenden Geduld sowie der überzogenen Erwartungen. Um wieder erfolgreich zu sein, muss er erst einmal seine Identität finden und eine zentrale Frage klären: Wie ist es möglich, dass – unabhängig vom gerade tätigen Sportvorstand oder Trainer – die VfB-Teams seit Jahren für ein immenses Mentalitätsproblem und einen großen Hang zur Bequemlichkeit stehen?

Es muss also grundsätzlich etwas schief laufen bei den unbelehrbaren Schwaben, die den Abstieg 2016 als Betriebsunfall abtaten, das Thema damit für erledigt erklärten und nun für diesen fatalen Trugschluss die verdiente Quittung erhielten. Wer nicht hören will, muss eben fühlen – und sollte sich schnellstens ein anderes Vorbild als Kaiserslautern suchen. Vielleicht einfach mal nach Freiburg schauen.