Kommentar

Familie anders leben

Archivartikel

Anne-Kathrin Jeschke findet es erschreckend, wie oft mit der Geburt eines Kindes die Gleichberechtigung auf der Strecke bleibt

Der erste Internationale Frauentag fiel 1911 in eine Zeit, in der Frauen hart um Gleichberechtigung kämpfen mussten. Doch auch mehr als ein Jahrhundert später sind Frauen und Männer längst nicht gleichgestellt. Das liegt vor allem an veralteten Vorstellungen davon, wie Familie funktioniert.

Für ein Sozialexperiment des ZDF befragte Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes Zweitklässler zu ihren Rollenbildern. Wer die Doku „No more boys and girls“ gesehen hat, durfte staunen, welche platten Stereotypen Siebenjährige im 21. Jahrhundert derart verinnerlicht haben: Mädchen sind nicht stark. Mütter kümmern sich um die Kinder. Und klar: Väter verdienen das Geld. Eltern, die sich ein gleichberechtigtes Leben für ihre Kinder wünschen, müssen ihnen genau dieses endlich vorleben.

Bis zur Ausbildung oder ins Studium hinein fühlen sich junge Frauen in Deutschland in der Regel gleichberechtigt – und sind es ja auch. Doch dann landen die jungen Erwachsenen ziemlich unsanft auf dem Boden der Tatsachen: ungleiche Bezahlung, verfestigte männliche Machtstrukturen, Degradierung zur Quotenfrau.

Spätestens wenn sie sich für Kinder entscheiden, werden viele Frauen regelrecht abgehängt: Einer aktuellen Studie zufolge verdienen Mütter in Deutschland nach zehn Jahren im Schnitt 61 Prozent weniger als im letzten Jahr vor der Geburt. Bei Männern gibt es diese Entwicklung nicht. Während mehr als zwei Drittel der Mütter, die arbeiten, einen Teilzeitjob haben, sind es nur sechs Prozent der Väter. Dabei geht es doch längst nicht nur um das Thema Karriere, sondern auch um drohende Altersarmut: (Werdende) Mütter sollten nicht naiv sein – ein Mann ist längst keine verlässliche Altersvorsorge mehr. Viele junge Frauen stecken jedoch selbst in veralteten Rollenbildern fest, anstatt Veränderung frühzeitig und aktiv von ihren Partnern einzufordern.

Denn warum teilen sich nicht endlich mehr Paare die „Familienarbeit“? 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren fänden es dem Väterreport der Bundesregierung zufolge ideal, wenn sich beide Partner gleich in Beruf und Familie einbringen könnten. Wie viele das Modell tatsächlich leben? Nur 14 Prozent. Warum? Weil viele Männer die eigene Karriere wesentlich wichtiger finden als die ihrer Partnerin.

Oft schieben Paare das Thema Geld vor, wenn Männer lediglich die zwei Mindestmonate Elternzeit nehmen – oder gar keine. Viele von ihnen könnten auch mit weniger Geld sehr gut leben. Das bedeutet zwar einerseits Verzicht – doch andererseits erheblichen Gewinn: an Familienzeit und Beziehungsqualität.

Väter in Deutschland sind allerdings extrem unzufrieden, wenn sie weniger arbeiten. Das hat der Marburger Soziologe Martin Schröder in einer repräsentativen Studie herausgefunden. Schade, dass viele Männer mit der Vater-Rolle (zeitlich) offenbar nur sehr begrenzt etwas anfangen können. Denn neben Freude bedeuten Kinder auch Verantwortung: Verantwortung, die es zu teilen gilt. Darüber müssen Paare reden. Es geht dabei auch darum, einander mehr zuzutrauen: den Frauen im Berufsleben – und den Männern zu Hause beim Nachwuchs.