Kommentar

Fantasie und Geduld

Alexander Müller zur Situation bei der DFB-Elf

Das Thema EM-Qualifikation hakte Joachim Löw nach dem wechselhaften Fußball-Abend von Belfast als erledigt ab. „Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wo wir stehen“, sagte der Bundestrainer nach dem wenig überzeugenden 2:0-Sieg im Windsor Park. Nordirland müsste in seinen drei verbleibenden Spielen in Frankfurt sowie zweimal gegen die Niederlande mehr Punkte holen als die DFB-Elf in den Partien in Estland, gegen Weißrussland und eben beim direkten Duell im Waldstadion. Das ist – bei allem gebotenen Respekt vor den anstehenden Aufgaben der deutschen Auswahl in der EM-Qualifikation – nicht vorstellbar.

Die übergeordnete Frage lautet längst: Wie weit ist die junge DFB-Elf auf dem Weg, den Rückstand zu den europäischen Top-Nationen aufzuholen? Die Antwort fällt differenziert aus. Einerseits hat Löw die Lethargie und Selbstzufriedenheit, die zum Desaster bei der WM 2018 führte, nach seinem anfänglichen Schlingerkurs konsequent beseitigt. Dieses Team hat Feuer, und es besitzt mit Spielern wie Niklas Süle, Serge Gnabry, Kai Havertz und Leroy Sané auch wieder eine interessante Perspektive über das nächste Turnier hinaus.

Das Potenzial blitzt auf

Die Fantasie, dass in Deutschland bald wieder Titel gefeiert werden könnten, ist zurück. Das Potenzial dieses frisch aufgestellten Ensembles ist phasenweise schon aufgeblitzt, man denke nur an die starke erste Halbzeit in Amsterdam, als das Löw-Team zur Pause 2:0 in den Niederlanden führte.

Aber der Lern- und Entwicklungsprozess, auch das ist deutlich geworden, wird und kann nicht schon bei der nächsten Europameisterschaft so weit vorangetrieben sein, dass es für das höchste Niveau reicht. Weltmeister Frankreich, Spanien, England, Belgien, auch die Niederlande – in diesen Sphären muss sich die Nationalelf vorerst hinten einordnen. Welche Probleme der Umbruch zwangsläufig mit sich bringt, war beim 2:4 gegen die Holländer in Hamburg zu besichtigen, auch beim wackligen Sieg in Nordirland. Das Konstrukt ist noch fragil und wenig widerstandsfähig, Geduld wird weiterhin notwendig sein.

Dem Bundestrainer kommt dabei die Aufgabe zu, eine feste personelle Achse zu finden, die dann die neue Spielidee umsetzen kann. Auch hier gibt es noch Konkretisierungsbedarf: Denn Löw ist seit seiner dem WM-Fiasko geschuldeten Abkehr von der Ballbesitz-Doktrin zu unpräzise geblieben, wie denn der deutsche Fußball der näheren Zukunft aussehen soll. Gegen Holland und in Nordirland war der angestrebte neue Stil bestenfalls schemenhaft zu erkennen – das war trotz der fast sichergestellten EM-Qualifikation viel zu wenig.

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