Kommentar

Fantasien in der Hauptstadt

Marc Stevermüer zur Situation von Hertha BSC

Es ist nicht allzu lange her, da kamen Jürgen Klinsmann Worte wie „Megaclub“ über die Lippen. Er sprach vom „spannendsten Fußball-Projekt Europas“ und davon, „in drei Jahren in der Champions League“ dabei zu sein. Wenn man all das so hörte, konnte man wirklich meinen, dass da ein neues Schwergewicht unaufhaltsam seinen Weg nimmt. Tatsächlich meinte Klinsmann aber Hertha BSC.

Nun sind die Berliner in dieser Bundesligasaison wirklich eine große Überraschung. Allerdings ganz anders als geplant: 23 Punkte, Tabellenplatz 14, Abstiegsangst statt Europapokalträume – so lautet die ernüchternde Bilanz, obwohl der Club in der Winterpause noch einmal 76 Millionen Euro ausgab und gerade auch deshalb an längst vergessen geglaubte Zeiten erinnert. Der von einer Großmannssucht getriebene Ex-Manager Dieter Hoeneß träumte einst von der Fahrt mit der Meisterschale durch das Brandenburger Tor – und genau das trat bekanntlich genauso ein wie die termingerechte Fertigstellung des neuen Berliner Flughafens.

Der ist immer noch eine Baustelle, was genauso für die Hertha gilt, die trotz der millionenschweren Unterstützung des umstrittenen Investors Lars Windhorst bislang keine Fortschritte macht. Die Mannschaft spiele „Steinzeitfußball“, wie unlängst der „Tagesspiegel“ wunderbar treffend die inspirations- und offensiv völlig harmlosen Berliner Auftritte zusammenfasste. Klar ist: Da finanzieller Aufwand und sportlicher Ertrag in keinem Verhältnis stehen, wächst der Druck auf Trainer Klinsmann. Er muss jetzt liefern. Sonst geht das angeblich „spannendste Fußball-Projekt“ Europas ganz schnell ohne ihn weiter.