Kommentar

Fettnäpfchen

Archivartikel

Werner Kolhoff rät CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, um Karneval einen Bogen zu machen – Fasnachtswitze passen nicht zum Kanzleramt

Deutschland will Politiker mit Herz und Humor. Aber Deutschland will keine Narren an der Staatsspitze. Annegret Kramp-Karrenbauers Intersexuellen-Witz kam außerhalb des Stockacher Festsaales nur mäßig an beim Volk. Und ihr Versprecher beim CDU-Werkstattgespräch „Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen“ gar nicht in der Partei. Angela Merkel zeigt, wie man es macht. Sie hat die Korrektheit geradezu zum Kult erhoben. Ausrutscher sind praktisch nicht bekannt. Der Preis dafür ist auch klar: Langeweile pur.

Obwohl das eine ungerechte Bewertung für die in kleinem Kreis ausgesprochen witzige Kanzlerin ist. Nur beachtet sie immer, und erst recht öffentlich, sämtliche Grenzen des Anstands, der Doppeldeutigkeit und der Missbrauchsmöglichkeit von Sprüchen. Merkel hat das so verinnerlicht, dass sie sich inzwischen nicht mehr kontrollieren muss, um jederzeit kontrolliert zu sein. Wie schillernd war da im Vergleich doch SPD-Mann Gerhard Schröder. „Basta“ oder „Hol mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik ich hier“. Das mochten viele, obwohl es macho-peinlich war.

Oder Helmut Kohl, der sich 1991 in Halle mit Demonstranten sogar schlagen wollte. Im Amt kann sich ein Kanzler eigentlich mehr leisten, als Merkel es tut. Vor dem Amt hingegen müssen die Bewerber aufpassen. Andrea Nahles dürfte das inzwischen wissen, doch passiert der SPD-Vorsitzenden trotzdem immer wieder irgendein „Bätschi“, so dass die ganze SPD sich fremdschämt. Nahles hat ihre mögliche Kanzlerkandidatur mit solchen Ausrutschern fast schon verspielt.

AKK wird es ähnlich ergehen, wenn sie noch ein, zwei Dinger raushaut. Motto: Es lagen viele Fettnäpfchen auf ihrem Weg, und sie hat sie alle gefunden. Natürlich möchte niemand, dass sich Kramp-Karrenbauer so weit verbiegt, bis sie Merkel II geworden ist. Zumal das Publikum sehr feinfühlig merkt, wenn jemand nicht mit sich selbst identisch ist. Aber deutlich mehr Sensibilität für ihre neue Rolle als CDU-Vorsitzende – und das ist immer auch die Kanzlerin in spe – sollte die Saarländerin dringend entwickeln. Vielleicht sollte sie eine aktive Teilnahme am Karneval künftig meiden.

Der Karneval wird nur in einigen Regionen gemocht – die Vorsitzende einer Volkspartei bespielt aber nun einmal die überregionale Bühne. Auch Gegenden, in denen man in dieser Jahreszeit ganz humorlos ist. Das ist das eine. Das andere: Das Niveau, auf dem AKK jetzt Politik macht, und das, auf dem im Karneval Witze gemacht werden, liegen nun einmal sehr weit auseinander. Womit nichts gegen Karnevalswitze gesagt sei. Die sind, wie sie sind, und sie gehören so, wie sie sind, dazu.

Aber der Karneval ist nicht der Ort für politische Korrektheit. Deswegen sollten Politiker ab einem bestimmten Level dort gar nicht auftreten. Ohnehin wirkt das anbiedernd. Als größter Witzbold aller Zeiten ist jedenfalls noch keiner Kanzler geworden.