Kommentar

Fürchterliche Eselei

Alexander Müller zum WM-Kader, Özil und Gündogan

 

Alles war so schön geplant. Vor der Präsentation des vorläufigen WM-Kaders gibt der DFB-Präsident die Vertragsverlängerung von Deutschlands Lieblingsbundestrainer Joachim Löw bis 2022 bekannt, dann sorgen ein, zwei überraschende, aber letztlich mäßig relevante Personalien im Turnier-Aufgebot für Diskussionsstoff. Mesut Özil und Ilkay Gündogan hatten etwas dagegen.

Die berechtigte Aufregung über das Treffen der beiden deutschen Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in London überschattet nun in der Fußball-Republik eher banale Fragen, die ansonsten rege diskutiert worden wären. Etwa die, ob der Freiburger Nils Petersen wirklich internationales Format besitzt oder wo die Gründe für die fragwürdige Ausbootung des Angreifers Sandro Wagner liegen könnten.

Özil und Gündogan haben eine ganz fürchterliche Eselei begangen. Sich vor den Propagandakarren des türkischen Präsidenten spannen zu lassen, der sein Land in eine Autokratie verwandelt und einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Kurden führt, ist mit politischer Naivität nicht zu entschuldigen.

Das Fußballer-Duo auf Irrwegen kippt Wasser auf die Mühlen derer, die behaupten, die Integration tausender türkischstämmiger Einwohner in die Bundesrepublik könne per se nicht funktionieren – und die davon überzeugt sind, in Wahrheit wolle doch sowieso keiner jemanden wie ihren dunkelhäutigen DFB-Kollegen Jerome Boateng als Nachbarn haben. Dass Özil und Gündogan bisher als Vorbilder dafür galten, dass Integration natürlich gelingen kann, macht ihren Fehltritt geradezu haarsträubend: türkische Wurzeln, in Gelsenkirchen geboren, im Team des Weltmeisters vollkommen akzeptiert.

Für den DFB ist die Angelegenheit aber nicht nur deshalb heikel. Deutschland und die Türkei sind Konkurrenten um die Ausrichtung der EM 2024, und es ist längst nicht ausgemacht, dass der DFB den Zuschlag bekommen wird. Denn der ruchlose Machtpolitiker Erdogan weiß, wie er das bekommt, was er will. Zum Beispiel schöne Wahlkampfbilder mit Özil und Gündogan.

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