Kommentar

Gefährliche Halsstarrigkeit

Archivartikel

Jan Kotulla zum Festhalten an den Sommerspielen

Sportlichen Großereignissen wie der Formel 1, Fußball-Welt- und Europameisterschaften und auch den Olympischen Spielen wird immer wieder nachgesagt, dass sie unter einer Art Käseglocke stattfinden.

Politische Meinungsäußerungen sind unerwünscht, Doping geächtet, es geht um den fairen Wettstreit. Alles gut und schön. Aber ganz offensichtlich haben die Verantwortlichen des Internationalen Olympischen Komitees den Ernst der Lage noch nicht erkannt. IOC-Boss Thomas Bach hat sich mit seiner Halsstarrigkeit – noch nicht einmal eine Verschiebung der Sommerspiele in Erwägung zu ziehen – die Goldmedaille in der von ihm erschaffenen Disziplin verdient: er ist Olympiasieger der Prinzipienreitererei.

Wer hätte schon gerne mit Franz Reindl tauschen wollen, als er in Absprache mit den Eishockey-Verantwortlichen entschieden hat, in diesem Jahr die Play-offs abzusagen? Wer möchte in der Haut von Thomas Bach stecken? Wohl die allerwenigsten. Aber deshalb haben sie sich auch ganz bewusst nicht um eine solche Position beworben.

Klares Zeichen wäre wichtig

Wer den Posten hat, muss auch Verantwortung übernehmen und in diesem Fall die Sommerspiele in Tokio zumindest verschieben. Das wäre ein klares Zeichen – vor allem für die Sportlerinnen und Sportler. Die sitzen einmal mehr zwischen den Stühlen. Viele Wettkämpfe und Qualifikationsturniere wurden bereits abgesagt oder verschoben. Von Chancengleichheit kann schon lange keine Rede mehr sein. Und die Gesundheit ist das größte Gut der Athleten – es für den Kommerz aufs Spiel zu setzen eine vorsätzliche Tat.

Wenn es eine Organisation gibt, die die finanziellen Risiken sogar einer Absage abfedern kann, dann das IOC. Dort wurden genau für einen solchen Krisenfall Rücklagen gebildet: über 800 Millionen Euro!

1972 wurden die Sommerspiele in München kurz nach dem entsetzlichen Terroranschlag fortgesetzt. Niemandem ist diese Entscheidung leicht gefallen. Es war die klare Botschaft, dass man standhaft bleiben und sich einer solchen Wahnsinnstat nicht beugen werde. Diese Einstellung ist richtig, für Corona aber nicht anwendbar und kontraproduktiv. Die Olympische Idee lebt davon, dass Menschen aus aller Welt zusammenkommen – in diesen Zeiten ein idealer Nährboden für ein Virus, das töten kann.

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