Kommentar

Gefühlte Bundesliga

Archivartikel

Marc Stevermüer blickt auf die neue Saison voraus

Es ist schon ein bisschen her, da warb das Deutsche Sportfernsehen beziehungsweise sein Nachfolger Sport1 Jahr für Jahr mit der stärksten 2. Liga aller Zeiten. Kein Wunder, als Rechteinhaber musste der Sender ja sein Produkt so gut wie möglich anpreisen – selbst wenn der Werbespruch nicht der Wahrheit entsprach. Mittlerweile ist die 2. Liga kein Aushängeschild mehr des dahinsiechenden Senders, der momentane Rechteinhaber Sky könnte vor der neuen Saison aber in der Tat den früheren Slogan leicht verändert aufleben lassen. Denn so attraktiv wie diesmal war die 2. Liga noch nie.

Namhafte Stars und Clubs

Schon das Eröffnungsspiel zwischen dem VfB Stuttgart und Hannover 96 mit namhaften Stars wie Ex-Nationalspieler Mario Gomez oder Weltmeister Ron-Robert Zieler klingt nach Bundesliga – und dürfte bei Zuschauern und Medien ein höheres Interesse wecken als manch eine Partie im Oberhaus, denn beide Vereine lagen bei den Einzelspiel-Quoten des übertragenden Senders Sky in der vergangenen Erstliga-Saison wie auch Mit-Absteiger Nürnberg vor Hoffenheim, Freiburg, Wolfsburg und Augsburg. Ohnehin blieb Sky im Oberhaus ohne Zugpferde wie Köln und Hamburg unter den Zahlen des Vorjahres – und dieser Trend dürfte sich fortsetzen.

Denn bei allem Respekt: Auch die Aufsteiger SC Paderborn und Union Berlin sind eher lokale Phänomene und gehören zu den Vereinen, für die sich fast keiner interessiert. Im Gegensatz zum Hamburger SV, der als weiterer großer Traditionsverein ein Quotengarant ist und eine unerwartete Ehrenrunde im Unterhaus dreht – sehr zum Leidwesen von Sky. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Bezahlsender einen Aufstieg der Schwergewichte herbeisehnt, bezahlt er doch viel Geld für die Erstliga-Rechte. Aber warum soll der Sender – wie von der Liga erhofft – bei der nächsten Verhandlungsrunde mal wieder ein paar Millionen Euro drauflegen, wenn das TV-Interesse abnimmt?

Prestigeträchtige Derbys

Gewiss: Ihren Absturz haben Vereine wie Stuttgart, Hamburg und Hannover durch jahrelanges Missmanagement allein selbst verschuldet. Dort wurde deutlich schlechter als in Paderborn, Mainz, Augsburg oder bei Union Berlin gearbeitet – aber ihre Strahl- und Anziehungskraft bleibt eben ungebrochen. Schon jetzt dürfte klar sein, dass es einen neuen Zuschauerrekord in der 2. Liga geben wird. Dazu kommen reizvolle und prestigeträchtige Derbys wie Stuttgart gegen Karlsruhe, Hamburg gegen St. Pauli oder das traditionsreiche Frankenduell zwischen Nürnberg und Fürth.

Fast die Hälfte aller Zweitligisten hat den Anspruch, ein Erstligist zu sein. Nur Erzgebirge Aue, der 1. FC Heidenheim, Holstein Kiel, Jahn Regensburg, der SV Sandhausen und der VfL Osnabrück spielten noch nie im Oberhaus, einige von ihnen mischten in den vergangenen Jahren aber um den Aufstieg mit. Stuttgart, Hannover und Co. sollten sich also nicht zu sicher sein, dass sie im nächsten Jahr wieder eine Etage höher am Ball sind. Denn die 2. Liga ist unberechenbar – der HSV weiß es aus schmerzhafter Erfahrung.

 
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