Kommentar

Gerodet wird woanders

Archivartikel

Tobias Käufer kritisiert die Debatte über Kohleenergie in Deutschland: Während hier protestiert wird, lassen Konzerne in Kolumbien Bäume fällen

In den sozialen Netzwerken zeigen sie dem Energie-Konzern RWE die Rote Karte. Ein Insta-gram-Post zeigt einen jubelnden Menschen, darunter steht zu lesen: Wenn Du erfährst, dass dein Versorger nicht zur RWE, sondern zu EnBW gehört. RWE – so lautet die Schlussfolgerung – ist der Bösewicht, weil der Konzern den Hambacher Forst abholzen lassen will, der Braunkohle wegen.

Die Kritik am Vorgehen des Energiekonzerns ist berechtigt, doch der Fall Hambacher Forst zeigt etwas anderes, nämlich die deutsche Doppelmoral in der Energieversorgung. EnBW gehört zu den Unternehmen, die Kohle aus Kolumbien importieren, um die ausbleibenden Lieferungen aus Deutschland auszugleichen. Auch RWE und Eon beziehen Steinkohle aus Kolumbien und verfeuern sie dann in ihren Kraftwerken. Die Regierungen aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg ließen sich für den Ausstieg aus der Steinkohle feiern. Das Gewissen war beruhigt.

Doch während in Deutschland das letzte Steinkohlebergwerk schließt, wird in Kolumbien weiter Kohle gefördert. Und das unter bisweilen unmenschlichen Bedingungen. Menschenrechtsorganisationen berichten über Ermordungen von sozialen Aktivisten, die Kohle-Förderer in Kolumbien haben meist eine unheimliche Nähe zu rechten paramilitärischen Gruppen, die auf Bestellung Kritiker auslöschen. Deutsche Umweltschützer könnten sich feiern lassen – gerodet wird woanders. Vielleicht gibt es dann noch den ein oder anderen, der einen kritischen Post zu den Verhältnissen in Kolumbien absetzt. Aber für den Rest gilt: Das ist dann nicht mehr unser Problem.