Kommentar

Walter Serif über das kleine Balkanland Bosnien, in dem sich die Volksgruppen auch 25 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton nicht vertragen

Gescheiterter Staat

Walter Serif über das kleine Balkanland Bosnien, in dem sich die Volksgruppen auch 25 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton nicht vertragen

Der Krieg ist seit 25 Jahren vorbei – auf den Frieden wartet Bosnien aber bis heute. Das kleine Balkanland ist ein klassischer „failed state“ ohne Zukunftsperspektive, weil es sich von den Fesseln des Dayton-Abkommens nicht befreien kann. Durch den Friedensvertrag sollte – anders als bei der Wiedervereinigung Deutschlands – zusammenwachsen, was nicht zusammengehört.

Oberstes Ziel der Vermittler USA und EU war es, den Staat als Einheit zu bewahren. Die neue Verfassung, die die Vermittler dem Land aufdrückten, hat sich in der Praxis aber als untauglich erwiesen. Denn in Wirklichkeit leben Bosniaken, Kroaten und Serben auch ein Vierteljahrhundert später noch immer in verschiedenen Parallelgesellschaften. In den Institutionen des Staates sind die Politiker der Volksgruppen zwar vertreten, aber die Einheit steht nur auf dem Papier.

Die größte politische Sünde, die die Friedensstifter – angeführt vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton – begangen haben, lässt sich auch im Rückblick durch nichts rechtfertigen. Clinton & Co. belohnten die Serben, die ihre Kriegsbeute in die neu geschaffene Republik Srpska retten konnten. Ihren Gebietszuwachs erkauften sich die Serben mit Blut. Die sogenannten ethnischen Säuberungen – was für ein schrecklicher Begriff! – führten zu Massenvertreibungen und einem Gemetzel, das es seit dem Zweiten Weltkrieg auf dem Balkan nicht mehr gegeben hatte. Die Opfer waren die muslimischen Bosniaken, die in KZ-ähnlichen Lagern zusammengepfercht und massakriert wurden. Die Bilder der gepeinigten Gefangenen mit ausgemergelten Körpern hinter Stacheldraht gingen um die Welt. Ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust wurden in Europa wieder Menschen wie Tiere behandelt und einfach umgebracht.

Auch Kroaten und Bosniaken verübten Kriegsverbrechen, aber nicht in dem Ausmaß wie die Serben. Was bei ihnen großteils fehlt, sind Mitleid und Empathie für die Opfer. Es wäre aber zu leicht, die Verantwortung für den Niedergang Bosniens nur den Serben anzukreiden. Auch die Politiker der Kroaten und Bosniaken sind nicht frei vom Nationalismus – genauso wenig wie die Bürger. Orthodoxe Serben, muslimische Bosniaken und katholische Kroaten haben kein gemeinsames Staatsverständnis. „Bosnien“ ist zu einer leeren Hülle geworden, weil jedes der drei „konstituierenden Völker“ – wie es in der Verfassung heißt – ein Vetorecht bei allen Entscheidungen hat. Dayton hat Bosnien unregierbar gemacht. Und niemand kommt auf die Idee, die Verfassung einfach zu ändern.

Dazu passt es, dass in Bosnien andere Minderheiten wie zum Beispiel die Juden oder Roma politisch nichts zu melden haben. Sie dürfen nicht für die höchsten Ämter des Vielvölkerstaats kandidieren. Das ist einer der Gründe, weshalb Bosnien keine Aussicht auf die EU-Mitgliedschaft hat. Verständlich, dass deshalb immer mehr junge Leute das Land verlassen und ihr Glück woanders suchen.